Interview: Margot Käßmann über das Image der Kirche im ländlichen Raum

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Spricht am Wochenende in Wolfhagen: Margot Käßmann, ehemals Vikarin in Wolfhagen.

Wolfhagen. Mit der ehemaligen Bischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, kommt am Wochenende eine prominente Kirchenfrau zurück nach Wolfhagen. Auch nach dem Ausscheiden aus ihren Leitungsämtern 2010 ist Margot Käßmann eine viel gefragte Expertin und Ratgeberin.

Fast 30 Jahre ist es her, da haben Sie in Wolfhagen als Vikarin gearbeitet. Mit welchem Gefühl besuchen Sie jetzt Ihre alte Wirkungsstätte?

Margot Käßmann: Die Zeit in Wolfhagen ist für mich in guter Erinnerung und eine wichtige Erfahrung. Ich habe nach meinem Studium zum ersten Mal im Talar in einer Kirche gepredigt. Ich erinnere mich an die erste Beerdigung in Leckringhausen. Einige haben damals durchaus darüber debattiert, was hier eine Frau predigt.

Sie sprechen am Samstagabend in der Stadtkirche und lesen aus Ihrem jüngsten Buch, morgen sind Sie beim Neujahrsempfang in der Wolfhager Stadthalle. Gibt es eine spezielle Botschaft an die Zuhörer?

Käßmann: Mir geht es um die Verbindung von Glaube und Gesellschaft. Wie lebe ich als Christ oder Christin im Alltag? Wie vermittle ich christliche Werte im öffentlichen Raum? Was hier in Wolfhagen besonders schön sichtbar wird an den beiden Terminen, ist diese Brücke zu schlagen zwischen Kirchengemeinde und Bürgergemeinde.

Seit geraumer Zeit sinken die Imagewerte für die Kirche auch auf dem Land. Es gibt den stillen, schleichenden Auszug von Gläubigen aus der Kirche. Da darf man gespannt sein auf Ihr Rezept.

Käßmann: Erst mal rate ich auch hier zur Gelassenheit. Wir sind viel zu zahlenfixiert. Schon Luther hat damals in Wittenberg über zu geringen Gottesdienstbesuch gewettert. Worum es aber geht, ist nicht die Menge, sondern die Qualität, die Frage, ob Gottesdienst Menschen stärkt für ihr Leben in der Welt und sie sich freuen auf die Gemeinschaftserfahrung. Wie schaffe ich heute Kirchenbindung, wie eine lebendige Gemeinschaft? Das entscheidet sich in der christlichen Erziehung, im Religionsunterricht, in Kinder- und Gemeindegottesdiensten.

Aber in den Gottesdiensten sitzen doch immer weniger.

Käßmann: Mag sein. Aber verglichen mit anderen Ereignissen am Wochenende ist der Gottesdienstbesuch bemerkenswert. Etwa 700 000 Menschen gehen an einem Wochenende in die Bundesligastadien, aber fünf Millionen in den Gottesdienst. Die mediale Wahrnehmung ist anders.

Sie sind Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017. In Berlin, wo Sie leben, ist sicher anderes reformbedürftig als auf dem Land. Was für Reformen braucht die Kirche hier?

Käßmann: Die Kirche in der Stadt kann Schwerpunkte setzen. Kirche in der ländlichen Region hat den Vorteil, Vielfalt zu verbinden. Hier sitzt im Gottesdienst der Unternehmer neben der alleinerziehenden Mutter, der Landwirt neben der Intellektuellen. Diese Integrationskraft einer Kirchengemeinde ist eine Stärke. Die müsste in ihrer lebendigen Ausstrahlung stärker genutzt werden.

Es braucht also gar keine Reform, Frau Käßmann?

Käßmann: Die Kirche der Reformation muss ständig reformiert werden, sagten die Reformatoren im 16. Jahrhundert. Das gilt auch heute. Und sie beginnt, wo immer die Kirche als Kraftquelle erlebt wird, wo sie Glauben weckt und zur Sehnsucht nach Leben ermutigt. Nicht fertige Antworten sind gefragt, sondern das Gespür für das, was Menschen aufrichtet.

Von Ludger Verst

Quelle: HNA

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