"Ich erinnere mich an den Geruch der Asche"

Wolfhager Jude präsentierte Buch vor Schülern der Filchner-Schule 

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Präsentierten das Buch vor Schülern in der Kulturhalle: von links Ernst Klein (Organisator der deutschen Übersetzung und Vorsitzender des Vereins Rückblende – gegen das Vergessen), Autor Dr. David Herschler und Ralph W. Mollerick.

Wolfhagen. Er wollte nie wieder einen Fuß nach Deutschland setzen. Ralph W. Mollerick ist Jude und verließ seinen Geburtsort Wolfhagen 1937. 

Der damals Siebenjährige, seine Schwester und seine Eltern hatten die Hoffnung,  dass die Auswirkungen der immer schlimmer werdenden Diskriminierung von Juden im Dritten Reich in der Anonymität der Großstadt Hamburg weniger gravierend sein würden. 

Wenige Wochen nach der sogenannten Reichskristallnacht verließ er mit seiner Schwester Deutschland – und kehrte erst 1993 das erste Mal zurück. Nun ist Mollerick zum 13. Mal in Wolfhagen zu Gast. Am Mittwoch sprach er vor 110 Oberstufenschülern der Wilhelm-Filchner-Schule über die Erfahrungen, die er mit dem Historiker Dr. David Herschler in seiner Biografie niedergeschrieben hat. 

Bei seinen früheren Besuchen hat sich der 87-Jährige schon mehrfach mit Schülern getroffen. Sein Ziel sei es, dass so viele junge Leute wie möglich die Gelegenheit bekämen, von einem Augenzeugen wie ihm zu hören, was er als Kind durchgemacht habe, so Mollerick. 

„Nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 hat sich die Lage für mich und meine Familie dramatisch verschlechtert“, sagt er den Schülern. Schon als er in der ersten Klasse war, musste er sich im Unterricht in die Ecke stellen und hatte so keine Chance, richtig Lesen und Schreiben zu lernen. Er bekam mit, wie die Gespräche seiner Eltern immer ernster wurden. Irgendwann konnte er nicht mehr mit seinen Freunden spielen. 

Doch die Hoffnung der Familie, in einer Großstadt sicherer zu sein, erfüllte sich nicht. Nach dem Umzug nach Hamburg begann die Geheime Staatspolizei (Gestapo), jüdische Männer in Konzentrationslager zu bringen. Als die Gestapo-Leute nachts bei den Möllerichs klingelten, legte sich der Vater ins Bett und gab vor, schwer krank zu sein. Die Gestapo nahm ihn daraufhin zunächst nicht mit – doch für den siebenjährigen Ralf waren diese Erlebnisse traumatisch. „Von der Reichskristallnacht habe ich zwar nichts gesehen. Aber ich kann mich genau an den Geruch der Asche erinnern“, sagt Mollerick. In der Kulturhalle ist es mucksmäuschenstill. 

Mollerick hatte, wie seine neun Jahre ältere Schwester Edith, Glück, dass Großbritannien danach die Rettungsaktion Kindertransport startete und mit offizieller Genehmigung Deutschlands 10 000 jüdische Kinder aufnahm. Am Hamburger Bahnhof verabschiedete sich der nun Achtjährige am 14. Dezember 1938 für immer von seinen Eltern. „Mein Sohn, kümmere dich um deine Bildung. Denn die kann dir niemals jemand wegnehmen“, sagte sein Vater zu ihm. Zwei Postkarten bekamen er und seine Schwester danach noch von den Eltern. 1942 kam dann vom Roten Kreuz die Mitteilung, dass die Eltern in einem Konzentrationslager in Polen ermordet worden seien. 

Doch nicht nur das Schicksal seiner Familie, auch immer neue Rückschläge in den kommenden Jahren traumatisierten den Jungen. In England lebte er zunächst in verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften, wo er häufig der Jüngste war und gemobbt wurde. Er begegnete sowohl antijüdischen als auch antideutschen Ressentiments. Besser wurde es, als er in Petersborough von einer Familie aufgenommen wurde. Diese war christlich und sehr religiös – für Mollerick organisierte sie 1943 seine Bar Mitzwa. Der Junge absolvierte die High School und belegte als 15-Jähriger schon Kurse an der Universität. 

Doch dann folgte der nächste Einschnitt. Seine Schwester Edith organisierte über Verwandte den Umzug nach Amerika. Dort musste Mollerick noch einmal vier Jahre auf die High School, weil seine Zeugnisse aus England nicht anerkannt wurden. Doch er kämpfte sich durch und wurde schließlich Ingenieur bei der Amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA. Die Beziehung zu seinen drei Kindern und seiner ersten Ehefrau blieb aber schwierig – der gebürtige Wolfhager hatte die Traumata seiner Kindheit nicht verarbeitet. 

Besser wurde es, als er seine zweite Frau Phylis kennenlernte, die ebenfalls in der Kulturhalle zu Gast war. 1991 bildete schließlich eine beruflich bedingte Reise von Mollericks Sohn den Ausgangspunkt dafür, dass er begann, seine Geschichte ausführlich aufzuarbeiten. Sein Sohn lernte in Wolfhagen zahlreiche Menschen kennen, die sich an seinen Vater und dessen Eltern erinnerten. Er überzeugte seinen Vater davon, 1993 schließlich selbst nach Wolfhagen zurückzukehren. 

„Ich hatte Angst. Wie reagieren meine Kindheitsfreunde, wie verständigen wir uns überhaupt? Ich konnte ja kaum noch Deutsch“, sagt Möllerick, der auch vor den Schülern auf Englisch spricht. Doch dann traf er seine ehemaligen Spielkameraden Heinrich Schwarz und Kurt Giese an einem Sonntagmorgen vor der Kirche. „Die Angst war unbegründet. Es sind viele Tränen geflossen, wir haben uns lange, lange umarmt“, erinnert sich Mollerick. Am nächsten Tag traf er auch seinen besten Freund aus Kindertagen, Heinz Abel. Die Freundschaft lebte wieder auf. 

In den folgenden Jahren trug der mittlerweile in Florida lebende Mann maßgeblich zur Erinnerungskultur der Stadt Wolfhagen bei. Er setzte sich für die Restaurierung des jüdischen Friedhofs ein und plädierte für Gedenktafeln an den ehemaligen Häusern von Juden anstelle der Stolpersteine, die es an vielen Orten gibt. „Darauf trampelt man, zumindest symbolisch, weiterhin auf den Juden herum.“ 

Zum Abschluss seines Vortrages gab er den Schülern die Parole „Make Love, not War“ (Macht Liebe, keinen Krieg) mit auf den Weg. Jeder könne die Welt selbst zu einem besseren Ort machen.

Quelle: HNA

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