Bischof Prof. Martin Hein spricht im Interview über Kürbisse, Skandale und Hoffnung

Wunsch nach kritischer Jugend

Gerne in Schulen unterwegs: Bischof Prof. Martin Hein in der Melanchthon-Schule.

Am Rande seines Besuches in der Melanchthon-Schule baten wir Bischof Prof. Dr. Martin Hein zu einem Gespräch.

Mögen Sie Kürbisse, Herr Bischof?

Bischof Prof. Dr. Martin Hein: Ich mag Kürbisse – aber nicht zu Halloween.

Woran liegt es, dass für immer mehr Menschen am vergangenen Sonntag Halloween war - und nicht der Reformationstag?

Hein: Ich erlebe das Gegenteil: Es erinnern sich immer mehr Menschen daran, dass der 31. Oktober der Reformationstag ist. Halloween ist ein Import aus Amerika, der in den 90ern bei uns heimisch geworden ist, und man muss auch gar nicht großartig dagegen angehen. Ich sage: Hängt den Kürbis niedriger!

Nun sind Sie heute unter vielen jungen Menschen, die sich für Glauben und Kirche interessieren. In einer Zeit, in der die Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren, ist das sicher ein schöner Tag für Sie.

Hein: Zunächst: Der Mitgliederschwund ist geringer als er in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Aber ja, ich bin gerne in den Schulen und spreche mit den Schülern über Fragen des Glaubens – aber auch über ihre persönliche Zukunft.

Und wie erleben Sie die Jugendlichen? Sind sie kritischer gegenüber der Kirche als früher?

Hein: Als ich Jugendlicher war, war ich sehr viel kritischer. Ich wünsche mir aufgeweckte, mündige junge Menschen, die ihre Kritik begründet vortragen können. Als ich selbst Religionsunterricht gegeben habe – das liegt jetzt 20 Jahre zurück – hatten die kritischen Geister immer die besseren Noten.

Nun sagen Sie, der Mitgliederschwund sei nicht so groß. Dennoch sind die Mitgliederzahlen seit den 90er-Jahren um fünf auf 24 Millionen gesunken. Halten Sie es für realistisch, diesen Trend zu stoppen?

Hein: Der Rückgang resultiert aus einem Bündel von Entwicklungen. Der zahlenmäßig bedeutendste Grund ist der demografische Wandel. Die Austrittszahlen machen den kleinsten Faktor aus. Auf zwei Austritte aus unserer Landeskirche kommt derzeit ein Eintritt. Mein Wunsch wäre es, hier in eine Balance hinzubekommen. Deshalb werben wir um Mitglieder und versuchen auch stärker Familien in den Blick zu nehmen. Wir haben ein Projekt in 50 Gemeinden, die Programme zur christlichen Bildung von Familien anbieten. Da gibt es Nachholbedarf.

Was war Ihr erster Gedanke, als die Skandale um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und deren Schulen aufkamen?

Hein: Mein erster Gedanke war: Das wird nicht spurlos an der katholischen Kirche vorübergehen und auch die evangelische Kirche in Mitleidenschaft ziehen.

Spüren Sie in Folge der Skandale eine grundsätzliche Skepsis bei Eltern gegenüber konfessionellen Schulen?

Hein: Weil die katholische Kirche mehr Schulen hat, ist das Phänomen dort stärker verbreitet. Wir haben im Bereich unserer Landeskirche in diesem Zusammenhang keine Rückmeldungen bekommen. Ein verantwortliches Handeln von Eltern ist sinnvoll. Aber ich glaube auch, dass sich sehr viele Lehrer um ein Vertrauensverhältnis zu ihren Schülern bemühen und dass sie auf keinen Fall über diesen Kamm geschert werden dürfen.

Wenn Sie jemandem in wenigen Sätzen erklären sollten, wer Philipp Melanchthon war. Was würden Sie ihm erzählen?

Hein: Melanchthon war ein tiefgreifender Denker und ein auf Ordnung und Maß bedachter Theologe. Ohne Melanchthon sähe die evangelische Kirche nicht so aus, wie wir sie heute kennen.

Wie sähe sie aus?

Hein: Wenn etwas Neues beginnt, braucht es viele Emotionen. Die hat Luther der Kirche vermittelt. Aber damit etwas bleibt, braucht es Strukturen. Dafür steht Melanchthon.

Sind Schulen wie die Melanchthon-Schule nicht eine der größten Chancen der Kirche, junge Menschen an Glauben heranzuführen?

Hein: Während meiner Dienstzeit sind zwei weitere evangelische Schulen in Kurhessen-Waldeck gegründet worden. Ich hätte mir von Seiten der Synode den Mut gewünscht, für weitere Gründungen einzutreten. Dass es Bedarf gibt, zeigt die Situation in den neuen Bundesländern, wo es eine Fülle von konfessionellen Schulen gibt.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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