Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt wollen Kontakt zu ihren Opfern, damit beide Seiten die Tat verarbeiten können

Der Wunsch nach Vergebung ist da

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Hinter Gittern: In der JVA Schwalmstadt müssen die Häftlinge mit ihrer Tat fertig werden. Kann der Kontakt zu den Opfern helfen?

Ziegenhain. „Wer Vergebung will, muss sich erst selbst vergeben können“– ein Satz, der in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt besonderes Gewicht bekommt.

Unter den Häftlingen finden sich Sexualstraftäter, Mörder, Betrüger – manche von ihnen werden als so gefährlich angesehen, dass sie auch nach dem Verbüßen ihrer Strafe in Sicherungsverwahrung bleiben müssen. Ist es sinnvoll, dass die Opfer solcher Verbrechen mit den Tätern ins Gespräch kommen? Um diese Frage drehte sich eine Diskussionsrunde zwischen den Häftlingen und Pfarrer Peter Kittel. Der 56-Jährige betreut seit fünf Jahren Insassen der Anstalt und befürwortet das Zusammentreffen, das in den USA unter dem Begriff „Restorative Justice“ (wiederherstellende Gerechtigkeit) praktiziert wird.

Das Konzept soll Tätern und Opfern helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Dass dem Täter dabei vergeben wird, kann Teil dieses Prozesses sein. „Vergeben heißt aber nicht, dass die Tat vergessen wird“, erklärt Kittel. Ihre Tat vergessen können die Insassen der JVA Schwalmstadt wohl nur in den wenigsten Fällen. „Man fühlt sich ohnmächtig, wenn man an den Schaden denkt, den man angerichtet hat“, erklärt ein Häftling um die 50 Jahre mit grauen Bartstoppeln im Gesicht.

Im Rittersaal der JVA herrscht nach dieser Aussage kurz Schweigen. Die Diskussion in dem prächtigen Saal mit gewaltiger Holzvertäfelung an der Decke könnte auf den ersten Blick etwas ganz gewöhnliches sein, wie ein Gesprächskreis in der Gemeinde. Doch das Licht fällt hier durch vergitterte Fenster, der Blick nach draußen zeigt Mauern mit Stacheldraht.

Das und die Justizbeamten, die das Gespräch beobachten, machen immer wieder deutlich, wer hier diskutiert. Einigen Häftlingen geht das Thema sichtlich nahe. Sie schauen vor sich auf den Boden und schweigen. Zum Einstieg haben sie mit Pfarrer Kittel den Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ gesehen, der die Begegnungen von Tätern mit ihren Opfern zeigt. Wer sich äußert, wünscht sich ein ähnliches Projekt auch in Schwalmstadt. „Die Strafe kann den Kern der Tat nicht berühren: das persönliche Scheitern“, erklärt ein etwa 40-jähriger Insasse.

Ein Kontakt mit ihren Opfern könne helfen, mit der eigenen Schuld umzugehen, ist der Tenor unter den Häftlingen. „Vergebung kann man aber nicht erwarten, das ist ein Geschenk“, fährt der 40-Jährige fort. Einen Versuch über das Geschehene zu reden wolle man trotzdem gerne machen. Dass ein solches Projekt in Schwalmstadt demnächst umgesetzt werden kann, bezweifelt der stellvertretende Anstaltsleiter Gerrit Holzapfel aber. „So ein Vorhaben muss richtig begleitet werden. Einfach einen Versuch zu starten, halte ich für schwierig“, sagt er. Einen Anstoß, sich das Konzept näher anzuschauen, gebe die Diskussion aber.

Auch Pfarrer Kittel glaubt an einen langfristigen Prozess: „Das ist sicher eine Herausforderung und braucht einen langen Atem“, sagt er. Seine Fühler nach Möglichkeiten für die Umsetzung ausstrecken wolle er trotzdem.

Quelle: HNA

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