Melsunger erfuhr vor 25 Jahren erst am Ziel vom Mauerfall

Überraschung auf dem Weg nach Halle: Plötzlich war die Grenze offen

Die Zahl der Menschen, die in die ehemalige DDR fahren wollten, war gering. Die Schlange in die Bundesrepublik war dagegen kilometerlang.

Melsungen. Für Manfred Muche aus Melsungen kam die Grenzöffnung vor 25 Jahren wie für viele andere völlig überraschend. Aber sie erleichterte ihm die Reise von Willingen nach Halle.

„Ein befreundeter Kantor aus Halle hatte uns eingeladen. Da wollten wir am 9. November 1989 für ein Wochenende hinfahren und dort singen“, sagt der ehemalige Bezirkskantor. Er leitete zu dieser Zeit den Willinger Kammerchor. Dass etwas im Gange war, habe er schon vorher bemerkt, sagt er heute, aber er sei nicht sicher gewesen, was es denn war. „Wir sind am Morgen mit sechs Autos losgefahren und überall waren schon lachende Menschen in Trabbis unterwegs“, sagt der 60-Jährige. „Die Parkplätze waren alle belegt, die Autos hätte man quasi an den Hauswänden stapeln können.“

Kein gültiges Visum

Je näher sie dem Grenzübergang kamen, desto mehr habe das mulmige Gefühl in seinem Bauch zugenommen. Ein Visum für die Einreise in die DDR hatte er zwar schon vorher bestellt, aber eine Sängerin aus dem Chor hatte ihr Visum noch nicht erhalten. „Wir hatten gehofft, dass wir trotzdem eingelassen werden“, sagt Muche. Am Übergang in Herleshausen seien sie wegen der vielen Menschen aber gar nicht über die Grenze gekommen. „Wir sind dann weitergefahren zum nächsten Grenzpunkt. Der Grenzer hat uns kontrolliert und gesagt, dass wir nicht passieren dürfen.“ Der Grund dafür war, dass jedes Visum zu einem bestimmten Grenzübergang gehörte. Der Grenzer sei dann weggegangen. „Die Autos vor uns sind einfach mit quietschenden Reifen weiter gefahren. Wir haben uns angeschlossen“, erzählt er.

Manfred Muche fuhr vor 25 Jahren zu einem Konzert nach Leipzig. Foto: Nieswandt

Auf der Straße in der damaligen DDR sei es sehr ruhig gewesen. „Die Autoschlange, die in die Bundesrepublik fahren wollte, war bestimmt 40 Kilometer lang“, sagt er. Überall hätten die Menschen gewunken. In Halle angekommen, wollte sich Manfred Muche erstmal bei der Volkspolizei anmelden. „Das war so üblich, wenn man ein Visum hatte“, sagt er. Doch die habe das Visum gar nicht mehr kontrolliert.

Konzert war besonders

Der befreundete Kantor, Holm Vogel, der sie eingeladen hatte, sei trotzdem unsicher gewesen, ob die Grenze dauerhaft offen bleiben würde. „Je weiter wir von der Grenze wegfuhren, desto skeptischer waren die Menschen in der ehemaligen DDR“, sagt Muche. Am nächsten Tag habe aber die Freude über die gewonnene Freiheit überwogen. Das Konzert sei wegen der Grenzöffnung auch etwas ganz Besonderes gewesen. „So etwas vergisst man nicht.“

Die achtstündige Rückfahrt nach Willingen sei dafür quasi an ihm vorbeigerauscht. „Wir haben kaum gemerkt, dass wir über die Grenze fahren, nur der offene Zaun hat daran erinnert“, sagt Wolfgang Muche. Kontrollen habe es keine mehr gegeben. „Die meisten Grenzer haben sich auch gefreut“, erinnert sich der Rentner. Er ist danach noch viele Male in die neuen Bundesländer gefahren, doch keine der Fahrten ist ihm so in Erinnerung geblieben, wie die am Tag der Grenzöffnung.

Quelle: HNA

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