Hessenweit 56 Spenden

Zahl der Organspender im Schwalm-Eder-Kreis auf Rekordtief

Schwalm-Eder. Die Zahl der Organspender ist in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Das bestätigen auch Zahlen aus dem Schwalm-Eder-Kreis.

Die Asklepios-Klinik in Schwalmstadt verzeichnete in den vergangenen vier Jahren gerade einmal zwei Organspenden, sagt Transplantationsbeauftragter Dr. Andreas Hettel. Die Klinik ist die einzige im Landkreis, die Organe transplantiert.

Hessenweit gab es im vergangenen Jahr 65 Organspenden. Zwar sind das neun mehr als im Vorjahr, wie aus Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende hervorgeht, aber dennoch eine geringe Zahl, gemessen an den etwa 700 schwerkranken Menschen, die landesweit auf eine lebensrettende Organspende warten.

Für Dr. Hilal Yahya aus Schwalmstadt, der seit 14 Jahren als Transplantationsbeauftragter am Evangelischen Klinikum Duisburg tätig ist, ist die Entwicklung alarmierend. Ein Grund für die niedrigen Zahlen sei der fehlende Zwang, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Der Arzt wünscht sich von der Politik mehr Engagement. „Das Thema wurde jahrelang falsch angegangen“, klagt er an.

In das Thema müsse mehr Zeit investiert werden, sagt auch Jana Godau, Ärztin der Neurologischen Abteilung im Klinikum Kassel. Dort waren es im vergangenen Jahr mit 14 Organspendern laut Zahlen der Gesundheit Nordhessen doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. 2016 waren es acht. 

Zahlen darüber, wie viele Menschen im Kreis einen Organspendeausweis besitzen, gibt es nicht. Deutschlandweit sind es laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwa 28 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 75 Jahren.

In Hessen kommen auf eine Million Einwohner 9,1 Organspender. Zum Vergleich: In Bayern waren es 2017 11,5 und in Nordrhein-Westfalen 8,2 Spender pro eine Million Einwohner. 

Interview mit Dr. lal Yahya, Transplantationsbeauftragter am Klinikum Duisburg.

Die Anzahl der Organspender in Deutschland ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht. Der gebürtige Schwalmstädter Dr. Hilal Yahya, seit Jahren Transplantationsbeauftragter am Klinikum Duisburg.

Herr Yahya, woran liegt es, dass so wenige Menschen in Deutschland Organe spenden? 

Dr. Hilal Yahya: Im Wesentlichen sind es zwei Faktoren. Erstens ist die Zahl der in Krankenhäusern identifizierten potenziellen Organspender sehr gering und zweitens ist die Spendebereitschaft sehr niedrig. In anderen Ländern ist das Thema positiv belegt, in Deutschland ist das nicht so. 

Was sagen Sie Menschen, die Vorbehalte gegenüber der Organspende haben?

Dr. Yahya: Häufig besteht die Befürchtung, dass nicht alles getan wird, wenn man Organspender ist und zu versterben droht. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall. Im Fall eines Spendenwunsches müssen erhebliche intensivmedizinische Maßnahmen ergriffen werden, um die Organe in einem transplantationsfähigen Zustand zu halten.

Welche Faktoren spielen bei der Entnahme eine Rolle? 

Dr. Yahya: Grundsätzlich gibt es keine Altersbeschränkungen für eine mögliche Spende. Hat sich jemand dafür entschieden, dann wird das Verfahren unabhängig von der Vermittlungswahrscheinlichkeit immer abgearbeitet.

Sie sind seit vielen Jahren Transplantationsbeauftragter. Wie sieht ihre Arbeit aus?

Dr. Yahya: Ich bin als Arzt nahe beim Patienten, wenn sich dieser in kritischem Zustand befindet. Insbesondere dann, wenn sich der Patient zu Lebzeiten nicht geäußert hat, kommen die Angehörigen ins Spiel. Dann gilt es herauszufinden, wie der mutmaßliche Wille des Patienten ist.

Wann führen Sie diese Gespräche? 

Dr. Yahya: In der Regel ist es sinnvoll, die Angehörigen möglichst frühzeitig mit einzubeziehen und den Ernst der Situation offen anzusprechen.

Also begleiten Sie die Angehörigen?

Dr. Yahya: Ganz genau. Es muss klar dargestellt werden, welche Prognose anzunehmen ist und welche Folge der Krankheitsverlauf haben kann. Wenn der Patient zu sterben droht, muss das frühzeitig kommuniziert werden.

Wie schwer fällt der Spagat zwischen Übermittlung einer Todesnachricht und gleichzeitig dem Gespräch über eine Organspende? 

Dr. Yahya: Es ist immer eine Doppelbelastung. Eigentlich möchte ich beim Überbringen der Todesnachricht bei den Angehörigen sein und helfen, die Trauerarbeit vorzubereiten. Wenn im gleichen Gespräch die Frage nach Organspende gestellt wird, sind das zwei unterschiedliche Signale, die so nicht unbedingt zusammengehören. Dennoch ist es gesetzlich so geregelt, dass die Frage nach Organspende gestellt werden muss. Es wäre einfacher, wenn ich da schon über den Willen des Patienten Bescheid wüsste.

Werben sie für eine Patientenverfügung? Dr. Yahya: Ja, aber für eine Patientenverfügung mit Stellungnahme zur Frage nach Organspende. Im Alltag bin ich eher nicht auf eine Patientenverfügung angewiesen, viel wichtiger ist das Gespräch mit Angehörigen. Keine Patientenverfügung kann das Arzt-Patienten-Gespräch und das Gespräch mit den Angehörigen ersetzen.

Was sind denn Ihre Erfahrungen im Alltag? Wie offen sind Menschen für das Thema?

Dr. Yahya: Die Menschen sind sehr offen für das Thema. Erschreckend ist jedoch, dass es anscheinend eine Vielzahl an Unsicherheiten gibt, die eigentlich nicht nötig wären. Hier sehe ich für mich einen konkreten Auftrag, das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu tragen und Ängste zu nehmen.

Wie erklären Sie sich, dass trotz der Offenheit nur wenige einen Organspendeausweis haben?

Dr. Yahya: Das ist anscheinend zum einen dem Umstand geschuldet, dass wir uns nicht gerne Gedanken über den eigenen Tod machen. Hinzu kommt die menschliche Trägheit. Da wir uns in Deutschland aktiv um einen Spenderausweis bemühen müssen, nehmen sich Menschen nicht die wenige Zeit, um sich festzulegen.

Dr. Hilal Yahya wurde am 20. Januar 1965 in Wiesbaden geboren. Mit sechs Jahren zog er mit seiner Familie nach Schwalmstadt. Nach Abitur am Schwalm-Gymnasium und anschließendem Zivildienst studierte er ab 1986 Medizin, Germanistik und Philosophie in Gießen. 12 Jahre lang arbeitete Yahya an der Frankfurter Universitäts-Klinik und machte dort die Ausbildung zum Facharzt der Neurologie. Seit 2004 ist er in Duisburg am Evangelischen Klinikum Niederrhein tätig und Transplantationsbeauftragter. 

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Soeren Stache/dpa

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