Weg zurück in die Freiheit

Sexualstraftäter: Kirchenkreis-Vertreter kritisieren Protestaktion

Christian Wachter

Neukirchen. Im Zusammenhang mit der Diskussion um den aus der forensischen Psychiatrie entlassenen Sexualstraftäter, der vor zwei Wochen von Wahlshausen nach Neukirchen gezogen war, melden sich jetzt Vertreter des Kirchenkreises Ziegenhain zu Wort.

Hintergrund: Während einer Informationsveranstaltung am Montagabend war es vor dem Neukirchener Rathaus und dem Wohnhaus des Mannes zu lautstarken Protesten gekommen.

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Es gehe nicht, dass sich Menschen im Schutz der Menge vor ein Haus stellen und dort mit Rufen, Trillerpfeifen und Megafonen einen Mitbürger bedrohen, schreiben Christian Wachter, Dekan des Kirchenkreises Ziegenhain, Dieter Schindelmann, stellvertretender Dekan, und Dierk Glitzenhirn vom Evangelisches Forum und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenkreises in einer Stellungnahme.

Dieter Schindelmann

Es gehe auch nicht, dass Erwachsene ihre Kinder missbrauchen, Dinge zu rufen, die sie sonst nicht sagen würden, heißt es in dem Schreiben weiter. Menschen in unserer Gesellschaft dürften anderen Menschen nicht Freiheitsrechte absprechen. „Wir leben nach der Erfahrung von Nazidiktatur und Gewalt in Deutschland, Gott sei Dank, in einem Rechtsstaat. Wir leben in einem Land, in dem sich Menschen sicher sein sollen, dass ihre Würde unantastbar ist und geschützt wird“, so die Pfarrer. Wer diese Gesetze übertrete, gehöre bestraft, aber dann habe jeder Mensch das Recht, sich zu bewähren, einen Neuanfang zu starten und geläutert in Freiheit zu leben.

Als „gnadenlos“ bezeichnen es die Pfarrer, diesen Schritt unmöglich zu machen: „Wenn wir in den christlichen Kirchen von einem Gott predigen, der gnädig ist, dann meinen wir das Gegenteil von 'gnadenlos sein'.“ Menschen machen Fehler - schlimme bisweilen - und das ist entsetzlich, heißt es in dem Schreiben, aber alle haben das Recht, dass es neue Anfänge gibt. Und alle haben sich darum zu mühen, ruft der Kreiskirchenvorstand auf.

Dierk Glitzenhirn

Juristisch, polizeilich und medizinisch werde in diesen Tagen nahezu alles dafür getan, dass ein Mensch, der vor 20 Jahren straffällig geworden ist, nun nach überaus langer Haftstrafe den Weg zurück in ein Leben in Freiheit finden soll: „Es geht nur so, dass wir miteinander lernen, menschlich zu sein, zu bleiben und zu werden.“

Der Vorstand des Kirchenkreises Ziegenhain bittet die Menschen in den Gemeinden, alles zu versuchen, in Neukirchen wieder zu einem offenen und freundlichen Umgangsstil zurück zu kehren. Dieter Schindelmann: „Dass Menschen mit Trillerpfeifen und Gegröle bestimmen wollen, was Recht ist, geht gar nicht. Gegen so eine Mobmentalität muss die Kirche zu allererst aufstehen.“

Von Sylke Grede

Quelle: HNA

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