Der kleine „Kanarienvogel“ Girlitz leidet unter sterilen, unkrautfreien Mustergärten

Ein Zuzug aus dem Süden

Ähnelt sehr einer kleinen, wildfarbenen Ausgabe des Kanarienvogels: Der Girlitz. Foto:  S. Stübing

Schwalm. Man muss schon genau hinhören, so hoch ist der klimpernde Gesang, der sehr an einen stark geschüttelten Schlüsselbund erinnert. Er stammt von einem kleinen, gelblichen Vogel, der ihn gerne von einer Fernsehantenne oder ähnlich exponierten Orten wie Baumspitzen vorträgt. Die Rede ist vom Girlitz, mit nur elf Zentimetern Länge einer unserer kleinsten Vögel.

Der kegelförmige Schnabel weist ihn als Finken und Samenfresser aus. Wer nun in einem europäischen Vogelbuch nachschlägt, findet direkt unter dem Girlitz einen ganz ähnlichen Vogel, den Kanarengirlitz. Tatsächlich ist der kleine Antennensänger, der auch in den Ortschaften der Schwalm weit verbreitet ist, ein naher Verwandter unseres altbekannten Kanarienvogels. Ursprünglich sehen sich beide Arten sehr ähnlich, wenngleich die verschiedenen gelben, weißen oder roten Zuchtformen des Kanarienvogels in unseren Käfigen das kaum noch vermuten lassen.

Wie der Kanarienvogel, der als gezüchteter Stubenvogel überall auf der Welt gehalten wird, hat auch der Girlitz eine interessante Geschichte, die ihn in unseren Raum gebracht hat. Nur ist er auf eigenen Schwingen eingetroffen, was ihm erst durch das Entstehen der menschlichen Gartenkultur möglich wurde. Gärten mit Rasenflächen, offenem Boden und Wildkräutern in den Beeten als Nahrungsgrundlage und kleineren Nadelgehölzen als Brutplatz entsprechen nämlich dem ursprünglichen Lebensraum.

In Südeuropa bewohnt der Vogel spärlich bewachsene, offene Landschaften mit vereinzelten Bäumen und vielen Sämereien. Tatsächlich setzte die Ausbreitung des Girlitzes erst mit der Ausbreitung unserer Gartenkultur vor etwa 200 Jahren ein und auch heute ist er in den meisten Teilen Deutschlands ein reiner Garten- und Ortschaftsvogel. In Norddeutschland und Skandinavien setzt ihm allerdings das rauere Klima Grenzen, die er als gebürtiger Mittelmeervogel bislang nicht überflogen hat. Auch in England fehlt der Girlitz daher.

Zwei nahe verwandte Arten mit ähnlichen Ansprüchen an den Lebensraum, beide Südländer, und nun durch das Wirken des Menschen viele hundert Kilometer nördlich ihrer eigentlichen Brutgebiete wieder vereint in unseren Ortschaften. Der eine auf der Antenne, der andere als Käfigvogel im Zimmer darunter - die Natur geht oft verschlungene Wege. In den letzten zehn Jahren wird der Girlitz aber zunehmen seltener beobachtet, was eindeutig an der Zunahme steriler, unkrautfreier Mustergärten liegt, in denen er keine Nahrung mehr findet. Wer dem kleinen Antennenvogel mit der langen gemeinsamen (Garten-)Geschichte helfen möchte, sollte also auf Spritzmittel verzichten und kleinere Wildkräuter wie Vogelmiere oder Löwenzahn in seinem Umfeld dulden.

Heinz und Stefan Stübing

Quelle: HNA

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