Familie blieb dabei, dass die nüchtern gebliebene Mutter das Auto gesteuert hat

Im Zweifel für den Angeklagten

Marburg/Schwalm. Haben der Angeklagte, seine Mutter und sein Bruder gelogen? Zum Schluss stand diese Frage im Raum, doch die Staatsanwaltschaft nahm vor dem Marburger Schöffengericht ihren Berufungseinspruch zurück, und das Urteil des Amtsgerichts Schwalmstadt vom März diesen Jahres wurde bestätigt. Das Amtsgericht hatte einen 29-jährigen kaufmännischen Angestellten vom Vorwurf einer Trunkenheitsfahrt freigesprochen.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Mann, der aus dem Altkreis Ziegenhain stammt, vorgeworfen, mit dem Auto seiner Mutter an einem Abend im Frühherbst 2010 vom Parkplatz eines Schnellimbiss-Restaurants in Treysa zu deren Wohnung gefahren zu sein, obwohl er mit über zwei Promille erheblich alkoholisiert gewesen war.

Wie bei der Hauptverhandlung in Schwalmstadt bestritt der Angeklagte auch vor dem Marburger Landgericht die Trunkenheitsfahrt und beteuerte, dass nicht er, sondern seine Mutter, die an diesem Abend nichts getrunken hatte, gefahren sei.

Er sei zusammen mit ihr und seinem Bruder in einem Nachbarort in einer Gaststätte gewesen und anschließend zu dem Schnellimbiss nach Treysa gefahren. Dort habe er zusammen mit seinem Bruder, während die Mutter im Auto wartete, eine Bestellung aufgegeben und bezahlt. Anschließend seien sie zum Auto zurückgekehrt und beide an der Beifahrerseite eingestiegen.

Die Aussagen des Angeklagten wurden von dem als Zeugen geladenen Bruder und der Mutter so auch bestätigt. Auch der Hinweis des Richters auf eine mögliche Vereidigung und deren Folgen konnte die Zeugenaussagen der Beiden nicht beeinflussen.

Belastet wurde der Angeklagte hauptsächlich durch die Aussage einer als Zeugin geladenen Mitarbeiterin des Schnellrestaurants, die den Angeklagten im Lokal erheblich alkoholisiert erlebt hatte. Nachdem das Bruderpaar das Gebäude verlassen hatte, war sie den beiden gefolgt, um

„Trotzdem lügt hier jemand ganz erbärmlich.“

Richter Wolf Winter

festzustellen, wer fährt. Dabei habe sie gesehen, wie der Angeklagte das Fahrzeug aufschloss und auf der Fahrerseite eingestiegen sei, der Bruder auf der Beifahrerseite. „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass er gefahren ist. Eine dritte Person war definitiv nicht im Auto“, behauptete die Zeugin.

Als das Fahrzeug den Parkplatz in Richtung Ziegenhain verlassen hatte, informierte sie die Polizei, die danach den 29-jährigen auch in der Wohnung seiner Mutter antraf.

Alle wirkten glaubwürdig

Sowohl der Angeklagte als auch alle geladenen Zeugen machten vor Gericht einen sicheren und glaubwürdigen Eindruck. „Trotzdem lügt hier jemand ganz erbärmlich“, wertete Richter Wolf Winter die gegensätzlichen Zeugenaussagen.

Weil auf Grund der Widersprüche kein Licht in das Dunkel der angeblichen Alkoholfahrt zu bringen war, zog der Staatsanwalt letztlich eine Berufung zurück. „Jedoch bleibt bei mir der Eindruck, dass der Angeklagte, Mutter und Bruder gelogen haben. Ich kann es aber nicht in letzter Konsequenz beweisen. Im Zweifel für den Angeklagten“, sagte der Staatsanwalt.

Von Alfons Wieber

Quelle: HNA

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