Ausbruch offenbart Strukturprobleme

21-jähriger Straftäter weiter auf der Flucht

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Foto: „Personalstärke den Begebenheiten anpassen.“ Die Polizei sucht einen Kriminellen, der aus dem Landeskrankenhaus Brauel entkommen ist.

Hannover/Wolfsburg - Seit Mittwoch ist bekannt, dass ein 21-jähriger Straftäter aus psychatrischen Klinik in Brauel geflohen ist, der Mann galt als nicht therapierbar. Das niedersächsische Sozialministerium räumte am Donnerstag gegenüber der HAZ ein, dass nicht immer genügend Personal zur Betreuung von Straftätern vorhanden ist.

Auf der Suche nach einem aus der psychiatrischen Klinik in Brauel ausgebrochenen Straftäter hat die Polizei in Oldenburg bis Donnerstag „mehr als 20 Hinweise“ aus der Bevölkerung erhalten, aber noch keine heiße Spur zu dem 21-Jährigen. Er war bereits am 
14. September aus dem Maßregelvollzug im Kreis Rotenburg ausgebrochen.

Der in Delmenhorst geborene Straftäter hat seit seinem Ausbruch nach Polizeiangaben mehr als zehn Raubüberfälle auf Spielhallen und Geschäfte im gesamten Nordwesten des Landes begangen. Doch erst sei Mittwoch fahndet die Polizei öffentlich nach Ibrahim Sabani. Das liegt laut Mitteilung der Beamten auch daran, dass die eigens eingerichtete Ermittlungsgruppe erst seit der vergangenen Woche weiß, dass sie es bei dem gesuchten Räuber mit einem aus dem Maßregelvollzug entkommenen Straftäter zu tun hat. „Er ist in der vergangenen Woche nach einem Raubüberfall eindeutig identifiziert worden“, sagte ein Sprecher der Polizei in Oldenburg. „Erst da war klar, dass es sich um einen Entflohenen handelt.“

Nach Angaben des Innenministeriums war nach der Flucht vor sechs Wochen zunächst nur die Polizei in Zeven über den Ausbruch Sabanis informiert worden, die daraufhin „erste Fahndungsmaßnahmen“ eingeleitet habe.

Der 21-Jährige ist nur einer von drei Straftätern, die in den vergangenen Wochen aus dem Maßregelvollzug ausgebrochen sind. In Rehburg war am vergangenen Sonnabend ein 20-Jähriger entkommen, als er seinem Betreuer davonlief. Auch er wird noch gesucht. Ein Maßregelvollzugspatient aus Moringen ist seit einer Woche wieder hinter Gittern. Er war drei Wochen auf der Flucht. Alle drei Männer wurden nach Straftaten von Richtern nicht ins Gefängnis, sondern in psychiatrische Kliniken eingewiesen, weil sie wegen ihrer Alkohol- oder Drogensucht therapiert werden sollten.

Besondere Brisanz erhält der Fall Sabani dadurch, dass der 21-Jährige nach Aufenthalten in Moringen und Brauel als nicht therapierbar eingestuft wurde. Ihm drohte in ein Gefängnis überstellt zu werden. Nach Auskunft von Sozialministerin Cornelia Rundt könnte das ein Motiv für seine Flucht gewesen sein. Die SPD-Politikerin kündigte an, die Sicherheit im Maßregelvollzug werde erhöht. Unter anderem werde man genauer hinsehen, wer etwa für Freigänge geeignet sei. Bei Hofgängen werde mehr Sicherheitspersonal eingesetzt.

„Erheblichen Strukturproblemen“

Ausgerechnet am Personal fehlt es im Maßregelvollzug aber. Seit Jahren schon bemängelt der Psychiatrieausschuss des Landes die unzureichende Personalausstattung der forensischen Kliniken. „Die Kommission fordert, die Personalstärke in den Kliniken den tatsächlichen Begebenheiten anzupassen“, heißt es im Jahresbericht 2013 für den Landtag. Bei einem Besuch in Moringen hat eine Besuchskommission zum Beispiel festgestellt, dass die Personalausstattung im Hochsicherheitsbereich an dem betreffenden Tag nur bei knapp 91 Prozent lag. Im Jahresbericht für 2012 spricht der Psychiatrieausschuss von „erheblichen Strukturproblemen“ im Maßregelvollzug. Das Sozialministerium räumte am Donnerstag gegenüber der HAZ ein, dass nicht immer genügend Personal vorhanden ist.

Mehr Personal fordert auch FDP-Sozialpolitikerin Sylvia Bruns. „Das ist eine Option.“ Es müsse sich aber „ganz viel verändern“. Schließlich stehe das Klinikpersonal durch die steigende Zahl an „schwerst Drogenabhängigen, die schwerst kriminell sind“ vor ganz neuen Aufgaben. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Björn Thümler fordert daher Pfleger, die besser auf die neue Situation vorbereitet sind. „Der Idealfall wären Justizvollzugsbeamte mit Pflegerausbildung.“ Diese müssten aber erst einmal entsprechend qualifiziert werden. „Das hätte die Landesregierung längst angehen müssen“, kritisiert Thümler. Bis dahin müssten Justizvollzugsbeamte, die Erfahrung mit gefährlichen Straftätern haben, die Pfleger übergangsweise unterstützen.

von Kristian Teetz und Karl Doeleke

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