Prozess

56-jähriger Frührentner wiederholt vor Gericht Geständnis

Göttingen - Seit Montag muss sich vor dem Landgericht in Göttingen ein 56-jähriger Frührentner verantworten, der gestanden hatte, an Weihnachten 2012 seinen Nachbarn erstochen zu haben. Der Mann kann sich seine Tat nicht mehr erklären.

Der Angeklagte kann selbst nicht begreifen, wie es dazu gekommen ist. Eigentlich sollte es ein besinnliches Weihnachtsfest werden. Doch dann betrank er sich zusammen mit seinem 41-jährigen Nachbarn, und am Ende hatte er eine Leiche im Wohnzimmer liegen. Der 56-jährige Frührentner muss sich deshalb seit Montag wegen Totschlages vor dem Landgericht Göttingen verantworten.

Zum Prozessauftakt wiederholte er das Geständnis, das er auch bereits vor der Polizei abgelegt hatte: Weil sein Nachbar nicht aufhören wollte, ihn mit einem üblen Schimpfwort zu beleidigen, habe er ihm Weihnachten 2012 ein Messer mit einer 21 Zentimeter langen Klinge in die Brust gestoßen.

Hinausschieben, bis es nicht mehr ging

Der 41-Jährige hatte danach mehr als zehn Tage tot in der Wohnung des Angeklagten gelegen. Erst Anfang Januar hatte der Frührentner die Polizei angerufen und mitgeteilt, dass sich eine Leiche in seinem Appartement befinde. Kurz darauf nahmen ihn die Beamten fest. Er habe einfach nicht gewusst, was er machen sollte, sagte der Angeklagte vor Gericht. „Ich hab quasi versucht, es so lange hinauszuschieben, bis es nicht mehr ging.“

Der 56-Jährige hatte das spätere Opfer im April vergangenen Jahres kennengelernt. Beide wohnten im gleichen Hochhaus, beide lebten allein. Der 41-jährige Nachbar quartierte sich dann immer öfter bei ihm ein. „Das wurde zur Gewohnheit.“

Trinkgelage an den Weihnachtstagen

Weihnachten habe der Angeklagte eigentlich allein verbringen wollen, doch dann stand wieder sein Nachbar vor der Tür. Er habe daraufhin etwas zu essen und Wein eingekauft und Geschnetzeltes zubereitet, der Nachbar habe Bier geholt. Am Ende rührten sie das Geschnetzelte gar nicht an, sondern sprachen ausschließlich dem Alkohol zu.

Am 1. Weihnachtstag holten sie weiteren Nachschub und setzten ihr Trinkgelage fort. Im Verlauf des Abends entwickelte sich ein Streit. „Er hörte nicht auf mich zu beschimpfen“, so der Angeklagte.

Beleidigungen hörten nicht auf

Früher habe er in solchen Situationen seinen Kumpanen einfach vor die Tür gesetzt. Diesmal griff er zu einem Messer, das auf einem Tisch im Wohnzimmer lag, und forderte den Nachbarn auf, mit den Beleidigungen aufzuhören. Dieser habe jedoch nur gegrinst. „Und dann hab ich zugestochen, einfach so. Ich war erstaunt, wie tief das Messer reinging.“ Der 41-Jährige sei noch vom Sofa aufgestanden und dann umgefallen. Er habe vergeblich versucht, ihn wieder auf die Beine zu bekommen.

Einen Notarzt alarmierte der Angeklagte nicht. Die spätere Obduktion ergab, dass der 41-Jährige an einem hochgradigen Blutverlust gestorben war. Der Angeklagte beteuerte, dass er den Nachbarn nicht habe töten wollen. Er suche selbst nach einer Erklärung für seine Tat. Der Prozess vor dem Landgericht wird Ende Mai fortgesetzt.

Heidi Niemann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare