Landwirte leiden unter Gänseplage

Ärger im Anflug

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Wer zahlt, wenn die Flächen nicht nutzbar sind? Nonnengänse machen auf dem Weg ins Winterquartier zu Tausenden Rast auf niedersächsischen Wiesen.

Leer - Tausende Zugvögel halten Rast auf niedersächsischen Weiden. Für Tierfreunde ist die Ankunft der Gänse ein Naturschauspiel – für die Landwirte ist es ein Ärgernis. Die Vögel fressen den Kühen das Gras weg und lassen sich kaum von den Feldern vertreiben.

Als in den siebziger Jahren plötzlich 1000 Gänse auf dem Feld saßen, da sind sie alle hingefahren. Vögel schauen. Weil die Tiere damals, vor 40 Jahren, noch eine Seltenheit im Rheiderland waren. „Heute, wo hier mehr als hunderttausend auf den Äckern sitzen, da blickt keiner mehr hin“, sagt Kreisjägermeister Jan-Wilhelm Hillbrands. Jedenfalls nicht mit Neugier. Denn für die Landwirte und Jäger der Region sind die gefiederten Tiere von der Attraktion zur Plage geworden. Einer teuren Plage.

Wenn Naturfreunde und Tierschützer über Gänse reden, spricht keiner von Plage oder Kostenfaktor. Dann geht es um die Vielfalt der Arten, um die Schönheit des Naturschauspiels, wenn Tausende Gänse gen Himmel aufsteigen, und um den Zustand der Zwerggans, die vom Aussterben bedroht ist. „Von ihr gibt es in ganz Europa weniger als 100 Exemplare“, sagt Gänseforscher Helmut Kruckenberg. Und weil die Zwerggans der Blessgans so ähnlich sieht, darf die Blessgans nach der neuen Jagdzeitenverordnung von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne), die zum 1. Oktober in Kraft getreten ist und mit der er nach eigener Aussage „die Jagd ökologisch ausrichten“ will, nicht mehr geschossen werden.

Die Blessgans aber sitzt genauso wie die Grau- und die Nonnengans, die Saat- und die Nilgans bei Landwirt Hero Schulte auf dem Feld und frisst seinen Kühen das Gras weg. Noch sind die meisten Tiere im Anflug auf die Region zwischen Ems und Dollart oder bereiten sich in ihrer Heimat auf ihre große Reise vor. Aber in den kommenden Wochen und Monaten wird ordentlich Luftverkehr im Nordwesten Niedersachsens zu beobachten sein. Dann wird das Rheiderland zum Gänseflughafen.

„Weil die Gänse auf meinen Weiden sitzen und wir sie kaum vertreiben können, muss ich meine Kühe zwei Wochen früher in den Stall holen – statt Mitte November schon Ende Oktober“, sagt Landwirt Schulte, der seit 20 Jahren seinen Hof in Weener (Landkreis Leer) bewirtschaftet. Zwei Wochen früher von der Weide, das heißt: zwei Wochen länger zufüttern. Und im Frühjahr noch mal: Die Tiere verlassen später ihren Stall – in diesem Frühling waren es bei Schulte vier Wochen.

Aber das ist nicht das einzige Problem. Weil Gänse rund 70 Prozent ihrer Mahlzeit nach kürzester Zeit wieder ausscheiden, füllen sich die Felder mit Unmengen von Kot. Das Gras, das die Landwirte für den Winter einlagern, ist dann oft nicht mehr als Futter zu verwenden. „Gerade der erste Schnitt ist der beste und der wichtigste, weil er besonders viel Nährstoffe enthält“, erklärt Schulte. Doch auf diesem ersten Schnitt liege der Kot der Gänse. Um die nährreichen Gräser zu ersetzen, füttern viele Landwirte ihren Kühen im Stall Mais zu. „Ich habe deshalb gerade zehn Hektar Mais gekauft“, erzählt Schulte. Und Mais sei sehr teuer.

Bauer Schulte hatte im vergangenen Jahr Landwirtschaftsminister Christian Meyer zu Gast. Ihm hat er seine Probleme geschildert, die Felder voller Kot gezeigt, die Massen an Vögeln auf seinem Grund. Alles in der Hoffnung, die Interessen und Nöte der Landwirte könnten in die neue Jagdzeitenverordnung des Ministers einfließen. „Aber von unseren Vorschlägen ist nichts umgesetzt worden“, sagt Schulte. „Es ist ein Skandal: Wir haben einen Landwirtschaftsminister, der sich nicht für die Landwirte einsetzt. Ich nenne ihn daher auch lieber Minister für Nabu-Wünsche.“ Am Ende sei doch die entscheidende Frage, wer haftbar gemacht werden könne, wenn im Frühjahr die Flächen der Bauern nicht mehr nutzbar seien. „Ich vermute, Minister Meyer lässt die Landwirte am Ende kalt verrecken“, sagt Schulte.

Für die ostfriesischen Landwirte ist entscheidend, wo die Gans landet. Ein großer Teil des Rheiderlandes ist als Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Wessen Felder in diesem Areal liegen, bekommt eine Entschädigung von mindestens 180 Euro pro Hektar bei Grünland und mindestens 230 Euro pro Hektar auf Ackerland. „Wer seine Flächen außerhalb des Vogelschutzgebiets hat, geht leer aus“, sagt Kreisjägermeister Hillbrands.Aber Gänse lesen keine Schilder. Deshalb will Hillbrands die Vögel mit den Mitteln der Jagd durch die Landschaft dirigieren. „Wir könnten die Bestände in die Äsungsgebiete lenken“, sagt der Kreisjägermeister. Auch er kritisiert Meyers neue Jagdverordnung. Hillbrands sieht keinen Grund, Gänse nicht zu schießen. „Außer der Zwerggans, die jetzt immer angeführt wird, nehmen alle Bestände zu“, sagt er. „Wir reden hier ja nicht von gefährdeten Arten.“ Und die Zwerggans sei so selten, „die hier zu erwischen ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto“. Er jedenfalls habe noch keine gesehen.

Die Jagdzeiten seien auch keine große Hilfe. Momentan dürfe er zwar jagen, aber zurzeit stünden noch Kühe und Schafe auf den Weiden. „Da ist eine Jagd kaum möglich, da kann ich schlecht meinen Hund durchjagen.“ Und wenn die Rinder nicht mehr auf den Wiesen stünden, sei die Jagd verboten.

Die Jagdzeit außerhalb der Vogelschutzgebiete, sagt Hillbrands, die hätte man bis zum 15. Februar verlängern sollen. Stattdessen dürfen Jäger Gänse dort nur zwischen dem 1. September und dem 15. Januar schießen, in den Vogelschutzgebieten zwischen dem 1. September und dem 30. November. Seine Mittel als Jäger sieht Hillbrands durch die Einschränkungen des Ministers erschöpft. „Wir werden ja sehen, wohin die Reise geht“, sagt er. „Ich glaube aber, sie geht in keine gute Richtung.“

Nachgefragt bei Helmut Kruckenberg

Herr Kruckenberg, Sie erforschen die Ökologie der Gänse von Norddeutschland bis in die arktischen Brutgebiete. Können Sie die Probleme der Landwirte mit den Tieren verstehen?

Ich kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen, aber die momentan aufgeregte Situation verstehe ich nicht.

Warum?

1996/1997 und zehn Jahre später haben wir gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer Untersuchungen zu Gänseschäden durchgeführt. Dabei kam heraus, dass es auch im Grünland durchaus zu Mindererträgen beim ersten Schnitt durch die Gänse kommen kann – je nachdem, welche Arten beteiligt und wie viele Vögel. Daraus entsteht aber nicht in jedem Fall ein finanzieller Schaden. Momentan bekommt ein Landwirt das Gras, das die Gänse auf den Weiden fressen, durch die Zahlungen im Rahmen des Vertragsnaturschutzes angemessen vergütet. Insofern leistet das Land schon eine Menge, um den Konflikt zu verringern.

Die Ausgleichszahlungen bekommen aber nur Landwirte, die ihre Weiden in Vogelschutzgebieten haben. Was ist mit den anderen?

Verstehen kann ich die Landwirte, die kein Geld bekommen, weil die Vogelschutzgebiete zu klein ausgewiesen sind.

Die Landwirte kritisieren die neue Jagdverordnung von Landwirtschaftsminister Christian Meyer. Sind Sie denn zufrieden?

Es ist sinnvoll, dass Bless- und Saatgans nicht mehr bejagt werden dürfen. Dies dient eindeutig dem Schutz von hoch bedrohten Arten wie der Zwerggans. Allerdings hätte in meinen Augen die Vogeljagd in den Vogelschutzgebieten komplett verboten werden sollen. Ein Vogelschutzgebiet, in dem die Vögel nicht geschützt werden, ist doch keins. Stattdessen werden alle Zugvögel durch die Jagd auf Graugänse und Enten den halben Winter hindurch stark beunruhigt.

Aber wie soll man denn die wachsenden Bestände der Gänse regulieren?

Vor 100 Jahren gab es nach historischen Schilderungen viel mehr Gänse als heute. Aber auch derzeit steigen die Gesamtbestände nach unseren Erhebungen seit Mitte der neunziger Jahre gar nicht mehr. Es finden lediglich Verschiebungen bei den einzelnen Arten statt.

Interview: Kristian Teetz

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