Primatenzentrum in Göttingen

Die Affen verstehen

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In Göttingen können die Wissenschaftler mithilfe von Touchscreens und „Hütchenspielen“ untersuchen, was die Tiere können und was und wie sie lernen.

Göttingen - Auf den ersten Blick könnte es ein mittelgroßer Tierpark sein. Laufräder stehen in den Gehegen, Schaukeln, Klettertürme. Am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen arbeiten Wissenschaftler mit und über Affen – nun entsteht ein neuer Forschungsverbund.

Rund 1400 Tiere leben im Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen – Rhesusaffen, Kattas, Javaneraffen, Weißbüschelaffen, Paviane. Doch die Primaten dienen nicht dem Freizeitvergnügen von Zoobesuchern, sondern der akademischen Forschung. Ab dem 1. Januar bereichert ein neuer Leibniz-Wissenschaftscampus die Arbeit der rund 400 Forscher, Mitarbeiter, Studenten und Tierpfleger.

„Wir versuchen hier unter anderem herauszufinden, wie Affen Gesichtsausdrücke interpretieren, was die Tiere über ihre Verwandtschaftsverhältnisse wissen oder wie Gruppen Entscheidungen des Einzelnen beeinflussen“, sagt Julia Fischer, Leiterin der Abteilung Kognitive Ethologie. Sie erforscht das Verhalten von nichtmenschlichen Primaten. „Wir wollen zeigen, dass Emotion und Intelligenz keine Gegenpole sind“, sagt die Professorin. Fischer arbeitet aber auch über den Spracherwerb der Affen oder erforscht, wie die Primaten mit Zahlen umgehen. „Sie können zwar nicht rechnen, aber erkennen, dass zwei plus fünf Rosinen mehr sind als drei Rosinen.“ Ergebnisse der Verhaltensbiologie aus dem DPZ fließen später auch in Arbeiten über Menschen, vor allem über Kleinkinder, ein.

In Göttingen können die Wissenschaftler etwa mithilfe von Touchscreens und „Hütchenspielen“ untersuchen, was die Tiere können und was und wie sie lernen. Wie sich Affen hingegen in ihrer vertrauten Umgebung bewegen und verhalten, untersuchen die Forscher bei Feldstudien im Senegal. „Die Arbeiten dort sind für uns sehr bedeutsam“, sagt Fischer.

Das DPZ, das vom Bund und dem Land Niedersachsen finanziert wird, ist in drei Forschungsschwerpunkte unterteilt: Neben der Primatenbiologie, zu der auch die Verhaltensbiologie von Julia Fischer gehört, sind das die Infektionsforschung und die Neurowissenschaften. So wird am DPZ an der Erforschung des Ebola-Virus gearbeitet. In der Vergangenheit entwickelten die Wissenschaftler bereits einen BSE-Schnelltest und wiesen nach, dass Hirnzellen auch bei ausgewachsenen Primaten neu gebildet werden – was bis dahin als ausgeschlossen galt. Zudem entdeckte das DPZ 14  bislang unbekannte Primatenarten.

Außerdem züchtet das Zentrum Affen. „Wer in Deutschland Affen für seine akademische Forschung benötigt, kann sich an uns wenden“, sagt die Sprecherin. Ausgeschlossen von den Züchtungen seien außerakademische Einrichtungen wie etwa Biotechnologie- und Pharmaunternehmen, betont Susanne Diederich. „Die Rhesusaffen leben mindestens drei Jahre in Göttingen, bevor sie an andere Universitäten übergeben werden“, so die Sprecherin des DPZ weiter. „Jeder Schritt, jede gesundheitliche Entwicklung wird hier fein säuberlich dokumentiert.“

Das DPZ sieht sich zuweilen der Kritik von Tierversuchsgegnern ausgesetzt. Sie werfen den Wissenschaftlern unter anderem vor, dass Affen in Gefangenschaft niemals artgerecht gehalten werden können. „Die Tiere sind für die Wissenschaftler enorm wertvoll“, entgegnet Fischer. Deshalb achte jeder Forscher darauf, die Tiere gut zu behandeln. „Es werden bei uns nur sehr wenige Affen für Tierversuche eingesetzt“, ergänzt Sprecherin Diederich. Es müsse zudem immer das erwartbare Leid der Tiere und das erhoffte Ergebnis abgewogen werden.

„Selbst die Blutabnahme zählt als Tierversuch“

Zudem müsse jeder Tierversuch zunächst die interne Tierschutzkommission des DPZ passieren und dann vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) genehmigt werden, sagt die Sprecherin. Die Behörde werde von einer Kommission beraten, der Vertreter aus der Wissenschaft und von Tierschutzorganisationen angehören. „Die gesetzlichen Vorgaben sind sehr streng geworden. Mittlerweile zählt selbst die Blutabnahme bei einem Tier als Tierversuch“, betont Diederich. Zudem komme der zuständige Amtsveterinär regelmäßig unangemeldet ins DPZ, um die Affen zu kontrollieren.

Neue Möglichkeiten für die Forschung bietet nun der Leibniz-Wissenschaftscampus. Dies bedeutet allerdings nicht, dass dort neue Gebäude gebaut werden. „Er ist rein virtueller Natur“, sagt Julia Fischer, die auch als Sprecherin des Campus fungiert. „Wir wollen mit dem neuen Wissenschaftscampus unseren Themenschwerpunkt etablieren, Nachwuchswissenschaftler unterstützen und die bereits bestehenden, sehr guten Verbindungen zu anderen Einrichtungen intensivieren“, sagt Fischer über den Forschungsverbund. Gründungsmitglieder sind neben dem DPZ die Georg-August-Universität Göttingen und das Bernstein Center for Computional Neuroscience (BCCN). Jährlich 900 000 Euro erhält der Forschungsverbund zunächst für vier Jahre.

Nachgefragt...

... bei Prof. Stefan Pöhlmann, Leiter der Infektionsbiologie am Primatenzentrum.

Herr Professor Pöhlmann, Sie forschen am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen über das Ebola-Virus... Da muss ich kurz einhaken. Wir arbeiten nicht mit dem Ebola-Virus, sondern nur mit dem viralen Glykoprotein. Um mit dem vollständigen Virus zu arbeiten, bräuchten wir S4-Sicherheitslabore. Die haben wir in Göttingen aber nicht.

Also gibt es in Göttingen auch keine Affen, die mit dem Ebola-Virus infiziert sind? Nein, definitiv nicht. Wir haben hier aus dem genannten Grund auch keine infizierten Tiere. Gleichwohl muss man sagen, dass die Arbeit mit nicht-menschlichen Primaten für die Ebola-Forschung unverzichtbar ist – etwa für die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten. Affen sind nun einmal ein sehr gutes Tiermodell für die Ebola-Virus­infektion, da sich das Virus in den Tieren und im Menschen ähnlich ausbreitet und ein ähnliches Krankheitsbild hervorruft.

Woran forschen Sie genau? Wir versuchen hier zu ergründen, wie das Glykoprotein des Virus arbeitet. Mithilfe dieses Proteins gelangt das Virus in die Wirtszelle – es ist quasi der Schlüssel, der die Eingangstür zur Zelle öffnet.

Warum ist das wichtig? Wenn wir verstehen, wie das Glykoprotein den Eintritt des Virus in Zellen vermittelt, können wir auf der Grundlage dieser Erkenntnisse antivirale Ansätze entwickeln. Am Ende steht dann hoffentlich ein Medikament, das gegen die ­Ebola-Virus-Krankheit hilft.

In diesem Jahr hat die Krankheit zahlreichen Menschen vor allem in afrikanischen Ländern das Leben gekostet. Haben Sie Ihre Forschungen in diesem Jahr intensiviert? Wir betreiben unsere Grundlagenforschung zum Ebola-Virus schon seit zehn Jahren. Aber in diesem Jahr konnten wir unsere Forschungen tatsächlich verstärken. So arbeiten wir innerhalb eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Konsortiums, das bis Ende 2015 zusätzliche 2,3 Millionen  Euro in die Erforschung des Ebola-Virus investiert.

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