Schlechte Internetverbindung im Harz

Im Tal der Ahnungslosen

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Foto: Stadtrat Thomas Christiansen wünscht sich eine schnellere Internetverbindung.

Osterode - Der kleine Harzort Lerbach ist vom schnellen Internet abgeschnitten – zumindest fast. Weil die Hälfte der Bewohner ein Breitbandkabel nutzen kann, geht ein Riss durch den Ort. Einige Firmen haben Lerbach bereits verlassen.

Im Herbst wirkt Lerbach sogar ein wenig verwunschen. Wanderwege an den Hängen bieten einen wunderbaren Blick auf die kleinen Häuser, die sich „über eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen“, wie es Dichter Heinrich Heine im Jahr 1826 in seinem Reisebericht „Die Harzreise“ beschreibt. Doch die Tal- und Höhenlage macht den Bewohnern im Winter schwer zu schaffen. Wenn es schneit, sind einige Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten. Doch nicht nur dann. Viele der rund 900 Einwohner sprechen von einer Zweiteilung des Ortes - einer „digitalen Zweiklassengesellschaft“. Denn der untere Teil der Ortschaft surft mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde durch das Internet - wie man es aus Großstädten kennt. Der obere Teil ist auf Technik angewiesen, die um ein Zweihundertfaches langsamer ist. Gesurft wird dort wie vor 15 Jahren. Der Grund dafür ist so banal, dass er für die Menschen kaum zu verstehen ist. Das Kabel, das den Highspeed-Internetzugang ermöglicht, reicht nicht für die ganze Ortschaft. Es endet mitten im Ort. Ein Zustand, der alles andere als zeitgemäß ist und bei Weitem nicht dem entspricht, was Bund und Länder vor vier Jahren versprochen haben. Nämlich die Anbindung an ein flächendeckendes Breitbandnetz mit Geschwindigkeiten von mindestens einem Megabit pro Sekunde.

Einen Film über das Internet schauen, Musik herunterladen oder die Urlaubsfotos an die Familie versenden? „Das ist für viele im Ort und anderen Teilen im Landkreis Osterode nicht möglich“, sagt Stadtrat Thomas Christiansen.

Und das alles nur, weil ein Kabel zu kurz ist - und nur für den unteren Teil des Ortes reicht. Für die Bewohner im oberen Teil ist dies ein großes Ärgernis. Wie es sich mit einer solch langsamen Verbindung arbeiten lässt? „Miserabel“, antwortet ein Mitarbeiter des Seniorenheims, das vom schnellen Internet nur träumen kann. Eine E-Mail könne er verschicken, mehr nicht. „Ein untragbarer Zustand für eine solche Einrichtung.“ Viele Unternehmen hätten den Ort wegen der schlechten Internetverbindung bereits verlassen, erklärt Stadtrat Christiansen. „Neuansiedlungen unter diesen Bedingungen sind nicht denkbar.“ Mittelfristig wird sich jedoch nichts ändern. „Der Anbieter verlängert das Kabel nicht, weil es sich für ihn einfach nicht rechnet“, sagt Christiansen. Die Nachfrage unter den Anwohnern im oberen Teil sei nicht groß genug.

Einen Grund dafür sieht der Stadtrat auch im demografischen Wandel, der die Ortschaft von Jahr zu Jahr schrumpfen lässt. Häuser stehen leer, sogar die Grundschule wurde geschlossen - „junge Familien denken nicht einmal daran, nach Lerbach zu ziehen“. Zurzeit macht sich die Politik für eine Dorferneuerung stark. Der Kampf für die Breitbandleitung ist auch ein Kampf gegen die Verwaisung des Ortes.

Auch in Riefensbeek-Kamschlacken - ebenfalls ein Osteroder Ortsteil und nur wenige Kilometer von Lerbach entfernt - kennt man diese Probleme. „Hier im Ort spricht man nur über Beerdigungen und langsames Internet“, sagt Gabriele Lüneburg. An schnelles Breitbandinternet per Kabel ist auch im Hause Müller-Lüneburg nicht zu denken. Auf Drängen des 17-jährigen Sohnes Nils-Hendrik hat sich die Familie für die kabellose, teurere Alternative per Satellit entschlossen. Doch nicht alle in Riefensbeek-Kamschlacken sind bereit, mehr Geld auszugeben. Viele surfen mit ISDN-Geschwindigkeit, weit entfernt vom Breitband, weit entfernt vom Versprechen der Politiker, die den zügigen Ausbau des hochleistungsfähigen Internets als sehr bedeutend proklamieren.

Dem Landkreis Osterode am Harz will Gabriele Lüneburg keinen Vorwurf machen. „Bürgermeister und Stadtrat sind sehr bemüht, eine Lösung zu finden“, sagt sie. Doch für das Verlegen eines Kabels oder das Aufstellen einen Funkturms, der eine kabellose Breitbandverbindung für alle ermöglichen würde, hat sich in den vergangenen Jahren kein Anbieter gefunden. Dabei gibt es genug - rund 250 von ihnen sind auf den Seiten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gelistet. Es sei die Aufgabe des Landes und Bundes, eine schnelle Internetverbindung sicherzustellen, sagt Lüneburg. „Wir fühlen uns abgehängt wie in einem Tal der Ahnungslosen.“

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