Orientierung für Kinder und Eltern

„Alle in meiner Klasse dürfen das“

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Foto: Was Teenager so mit einem Smartphone machen: ein „Selfie“.

Hannover - Streit ums Taschengeld, Smartphones und die große Freiheit: Eine Studie, die das Konsum- und Medienverhalten untersucht hat, gibt Orientierung – für Kinder und Eltern.

„Das dürfen alle.“ Mit dieser Behauptung können Kinder ihre Eltern zur Verzweiflung bringen. Wenn es um Taschengeld, ein eigenes Handy oder Süßigkeiten geht, weisen Kinder allzu gern auf ihre angebliche oder tatsächliche Außenseiterrolle hin. Eine am Dienstag veröffentlichte Jugendstudie des Egmont Ehapa Media Verlags hat 2000 Eltern und deren Kinder zwischen vier und 13 Jahren zu ihrem Konsum- und Medienverhalten befragt. Eine streng statistische Argumentationshilfe – für Große und Kleine:

„Alle haben ein Handy“: Jedes vierte Kind zwischen sechs und 13 Jahren hat ein eigenes Smartphone. Die Quote hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Zählt man auch herkömmliche Handys ohne Internetzugang hinzu, sind sogar 57 Prozent der Kinder mobil erreichbar. Der Umfrage zufolge verfügen 82 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen über Computererfahrung, 35 Prozent haben einen eigenen Rechner. 75 Prozent der Kinder nutzen das Internet. Kleiner Trost: 77 Prozent lesen mindestens einmal in der Woche in einem Buch. 74 Prozent schauen in Zeitschriften.

„Alle bekommen mehr Taschengeld“: Wie 2013 bekommen Kinder in Deutschland im Schnitt 27,50 Euro im Monat. Sie erhalten darüber hinaus großzügige Geldgeschenke an Festtagen oder bekommen Geld für gute Noten (41 Prozent) und Hilfen im Haushalt (23 Prozent). Das summiert sich auf 189 Euro im Jahr. Bei den Vorschulkindern bekommt mehr als die Hälfte regelmäßig Geld – im Schnitt 12,82 Euro im Monat. Sie geben es am häufigsten für Süßigkeiten, Zeitschriften, Fastfood und Getränke aus. 60 Prozent aller Kinder sparen: Auf Kinderkonten liegen 2,42 Milliarden Euro.

„Alle anderen dürfen selbst entscheiden“: Stimmt. 92 Prozent der Zehn- bis 13-Jährigen dürfen mitbestimmen, was die Familie gemeinsam unternimmt, bei den Sechs- bis Neunjährigen sind es immerhin 86 Prozent. Auch bei der Frage, welche Lebensmittel gekauft werden und wie sie sich kleiden wollen, haben Kinder umfangreiches Mitspracherecht. Übrigens: Kinder fahren am liebsten in den Badeurlaub (69 Prozent), gefolgt von Ferienlager (29), Freizeitpark (25) und dem Bauernhof (21).

Dauerthema Internet

Das Internet ist immer ein Thema, bei jedem Gespräch mit Jugendlichen und ihren Eltern, sagt Matthias Möller. Nicht an sich – bei der Anmeldung zu einem Termin in einer der Familienberatungsstellen der Region Hannover stehe fast immer ein anderes Problem im Vordergrund. „Aber irgendwann geht es jedes Mal auch um die Nutzung des Internets“, sagt Möller, Leiter der Beratungsstellen. „Zu fast 100 Prozent.“

Seit Jahren verzeichnen Beratungsstellen und Suchtkliniken steigende Zahlen von Kindern und Jugendlichen, deren Umgang mit dem Internet problematisch ist. So kommt es, dass Möller und Birgit Unverfehrt-Fischer, Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Hannover, von den Zahlen der „Kids Verbraucheranalyse“ des Egmont-Ehapa-Verlages nicht überrascht sind. 97 Prozent der Zehn- bis 13-Jährigen nutzen das Internet, heißt es darin, 56 Prozent sogar täglich. Jeder Vierte von ihnen hat sein eigenes Smartphone. Von den Sechs- bis Neunjährigen sind 51 Prozent regelmäßig im Netz unterwegs.

Mit klaren Vorgaben darüber, ab wann der Besitz eines internetfähigen Smartphones für Jugendliche vernünftig ist, tun sich die Experten schwer. „Ab 14 kann man über ein Smartphone reden“, sagt Möller nach einigem Überlegen. Wer sich unsicher ist, ob ein Smartphone für den Nachwuchs tatsächlich schon sein muss, solle ruhig das Gespräch mit den Eltern der Freunde suchen, rät Möller. „Oftmals stellt sich dann heraus, dass die auch skeptisch sind.“ Auf diese Weise lasse sich das Totschlagargument jedes Teenagers entkräften: „Aber die anderen haben doch auch eins.“

Birgit Unverfehrt-Fischer vom Kinderschutzbund hat die Erfahrung gemacht, dass viel zu häufig die Kinder zu Hause die Entscheidungen treffen. Viele Eltern seien nicht in der Lage, Regeln aufzustellen – obwohl die Kinder sich häufig danach sehnten. Also wird daheim und mit dem Smartphone ohne Kontrolle im Internet gesurft – oft mit schlimmen Folgen: „Spielsucht ist ein immer größer werdendes Problem“, sagt Unverfehrt-Fischer.

Natürlich, sagen beide Experten, sei das Internet nicht per se etwas Schlimmes, für Kinder sei der Umgang damit normal. „Aber vernünftig“, sagt Unverfehrt-Fischer. „Wie so oft im Leben.“

Von Felix Harbart

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