Sportarzt wird 70 Jahre alt

Alle schwören auf Dr. Müller-Wohlfahrt

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Foto: Sportarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wird 70 Jahre alt.

München - Er ist Orthopäde, Kultfigur und Ostfriese: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat die Sportmedizin in der öffentlichen Wahrnehmung völlig neu erfunden. Jetzt wird der Mannschaftsarzt des FC Bayern und der Nationalmannschaft 70 Jahre alt. Kaum zu glauben.

Der schnellste Mann der Welt nahm sich mehr als 9,63 Sekunden Zeit, um vom „besten Arzt der Welt“ zu schwärmen. Usain Bolt, gerade zum zweiten Mal Olympiasieger über 100 Meter geworden, sang Minuten nach seinem in knapp zehn Sekunden vollendeten Triumph in London vor über acht Millionen Fernsehzuschauern im ZDF das Hohelied auf seinen deutschen Freund und Helfer Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der hierzulande wohl bekannteste Mediziner vom Fach der Orthopäden, jubilierte der soeben zur Sportlegende aufgestiegene Jamaikaner, sei „mehr als nur ein Arzt“. Warum? „Er lädt mich zum Abendessen ein und sorgt für mich. Er hat meine Rückenprobleme in den Griff bekommen und sehr großen Anteil an meinem Erfolg.“

Gastfreundlich, fürsorglich und therapeutisch wertvoll: Besser geht’s kaum. Es verstand sich danach von selbst, dass der gepriesene „Doc“ aus München umgehend mit einem Attest antwortete. Bolts Goldmedaille, so ließ Müller-Wohlfahrt verlautbaren, sei „ausschließlich“ das Werk „dieses außergewöhnlichen Sportlers“. Ihm, dem Vertrauensarzt des Jahrhundertsprinters, sei es allerdings eine Ehre, zu dem Team zu gehören, das dem unwiderstehlichen Läufer „beste Voraussetzungen für seine Leistungen schafft“.

So wie Bolt, wenn auch nicht ständig vor einem Millionenpublikum, haben schon viele Sportstars die Heilkraft des aus Ostfriesland stammenden Münchener Medikus’ bewundert. Heißen sie Boris Becker, Katarina Witt, Bastian Schweinsteiger oder Franziska van Almsick. Am Sonntag werden sie alle Schlange stehen, um diesem „Dr. Feelgood“ von Herzen zu gratulieren.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wird nämlich siebzig Jahre alt. Nur wer dem noch immer drahtigen Doktor genau ins Gesicht schaut, ahnt, dass auch dieses Geburtstagskind mit dem Profil eines langsam alternden Indianers nicht mit der Gnade zeitloser Frische gesegnet ist. Gleichwohl hat sich der Orthopäde und Sportmediziner eine innere Jugendlichkeit bewahrt.

Aufhören ist keine Option

Aufzuhören in seinem Beruf, der ihn begehrt und berühmt gemacht hat, kommt dem Mann auch nach Erreichen dieser späten Lebensmarke nicht in den Sinn. Und so können der FC Bayern München, dessen medizinische Abteilung Müller-Wohlfahrt seit Jahr und Tag leitet, und die Fußball-Nationalmannschaft, die er dazu nach besten Kräften medizinisch betreut, weiter auf die Dienste dieses feinfühligen Mannes zählen.

Er, den alle Welt kennt oder zu kennen glaubt, ist alles andere als ein reiner Promi-Doktor. Auch Kassenpatienten gehören, seit Müller-Wohlfahrt im Jahr 1971 promovierte, zu seiner Klientel. Er begegnet ihnen mit derselben Aufmerksamkeit und Neugier wie den Sport- und Showgrößen, die es dann, wenn’s weh tut, in seine 1600 Quadratmeter große Praxis im Herzen Münchens zieht. Dort, im „MW Zentrum für Orthopädie&Sportmedizin“, wird Müller-Wohlfahrt tagtäglich zum bewunderten und beneideten Kunsthandwerker. Sätze wie „Ich sehe mit den Fingern“ deuten auf einen Artisten mit Äskulapstab, wecken aber auch die Missgunst mancher Kollegen. Müller-Wohlfahrts Kritiker sind indes in den letzten Jahren leiser geworden.

Wäre er ein Guru, wie ihm hier und da nachgesagt wird, oder einer, der wie ein Wunderheiler aufträte, ohne es zu sein – sein glänzender Ruf hätte längst gelitten. Müller-Wohlfahrt aber hat den Menschen geholfen, die schwer beladen zu ihm kamen. Und er hat seine Erfahrungen und Erkenntnisse als Buchautor („Mensch, beweg Dich!“; „So schützen Sie Ihre Gesundheit“) und Firmengründer („formula Müller-Wohlfahrt Health&Fitness AG“) verwertet. Sein vermarktetes Erwerbsstreben, das sich auch darin spiegelt, dass in seinem Namen Salben zur Linderung von muskulären Schmerzen oder Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, war aber nie so ausgeprägt, dass sein Kernberuf darunter gelitten hätte. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Spitzname „Mull“, blüht auf, wenn es den Menschen, deren Leiden er auf seine Weise bekämpft, besser geht.

Dass einer wie er auch von Eitelkeit getrieben wird, dürfte seine Bekanntheit eher gefördert als gebremst haben. Gegenüber dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er dieser Tage: „Ich mag es nicht gern hören, dass gesagt wird: Du bist begnadet. Ich weiß nicht, woher ich die Fähigkeit habe. Ich meine, ich habe sie mir erworben. Durch tägliches Üben, Üben, Üben. Wie ein Pianist oder Violinist.“ Dieser Arzt hat sich als Diagnostiker buchstäblich vorangetastet zu seinem Renommee. Zur Marke im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist er aber auch als Athlet geworden.

Seit 1977 Bayern-Doc

Der Bayern-Doc war, seit er die Bundesliga-Bühne betrat, schneller als jeder Kollege auf den erstklassigen Fußballspielplätzen unterwegs. Dass er so etwas wie der Usain Bolt seiner Zunft war, fiel in seinen Berliner Debütantenjahren (1975 bis 1977) in Diensten von Hertha BSC noch nicht so auf; erst als ihn der Münchener Meisterklub im April 1977 verpflichtete, machte sich auch Müller-Wohlfahrt einen Namen.

Der visionäre Robert Schwan, der damals den Klub und Franz Beckenbauer, den deutschen Fußball-„Kaiser“, managte, begründete seinerzeit die langlebige Liaison zwischen den Bayern und ihrem Chefarzt. Sie zerbrach auch nicht an Jürgen Klinsmann, zu dessen Zeit als Cheftrainer des deutschen Rekordmeisters sich Müller-Wohlfahrt im November 2008 kurzzeitig zurückzog von seiner Herzenssache FC Bayern. Als der Schwabe dann Ende April 2009 gehen musste, kehrte der Ostfriese in München auf die Bayern-Bank zurück.

Jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit lädierten Fußballprofis hat seinen diagnostischen Blick so geschärft, dass Müller-Wohlfahrt sagen kann: „Wenn ich sehe, wie ein Spieler fällt, weiß ich schon in etwa, ob die Verletzung ernst ist.“ Dass sich ihm Sportprofis mit der allergrößten Selbstverständlichkeit anvertrauen und Elogen auf ihn halten, hat gewiss auch damit zu tun, dass sich dieser Arzt, der in seiner Jugend ein begabter Leichtathletik-Mehrkämpfer war, in sie hineindenken und mit ihnen fühlen kann. Sein öffentliches Mitteilungsbedürfnis aber hält sich in Grenzen. Als Gast, gar als Dauergast in Talkshows ist Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt noch nicht gesichtet worden. Das ist ja auch nicht nötig, da längst Weltstars für diesen Doktor aus München werben – aus purer Dankbarkeit.

Botschaften, die Müller-Wohlfahrt schmeicheln, die er aber längst nicht mehr braucht, um auf sich aufmerksam zu machen. Dieser Arzt schaut mit 70 Jahren weiter nach vorn. Ihm zur Seite stehen seine Frau Karin, eine bildende Künstlerin, seine Tochter Maren und sein Sohn Kilian. Der junge Mann ist Arzt, Orthopäde, am Münchener Klinikum rechts der Isar. Er soll, geht es nach dem Wunsch des Herrn Papa, einmal dessen Nachfolger werden, so er denn will und den Praxistest besteht.Gefeiert wird bis auf Weiteres aber Müller-Wohlfahrt senior. Auch beim FC Bayern, der auf seiner Webseite dieser Tage flott verkündet: „Mull heilt, Bolt eilt.“

Roland Zorn

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