Samenbank

Alte Pflanzen im Eis

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Foto: Im Kühlraum der Pflanzendatenbank: Botaniker Peter Borgmann sieht manche historischen Kräuter in Gefahr.

Osnabrück - Arnikablüten, Strandhafer und Ringelblumen - die Uni Osnabrück bewahrt Heilkräuter im Eisschrank auf. Botaniker wollen das Saatgut der stark bedrohten Wildpflanzen für künftige Generationen erhalten. Die Uni hat sozusagen eine Samenbank eingerichtet.

Sportler schätzen die wohltuende Wirkung der Arnikablüte in Salben und Tinkturen. Blessuren an Gelenken und Muskelschmerzen lassen sich damit lindern. Vermutlich nur den wenigsten wird bewusst sein, dass die Blume mit den dottergelben Blüten in Deutschland zu der wachsenden Zahl stark bedrohter Wildpflanzen zählt. Damit auch künftige Generationen die Heilpflanze noch nutzen können, sammeln Botaniker der Universität Osnabrück die Samen der Arnika und auch die vieler anderer Wildpflanzen in einer eiskalten Saatgutbank.

Das genetische Gedächtnis der Wildblumen verbirgt sich hinter dicken Türen in einem unscheinbaren Nebengebäude des Botanischen Gartens der Universität. Armlange Riegel öffnen den Zugang zu einem ersten Kühlraum. Hier dürfen sich die gesammelten Samen in den Regalen langsam an die künstliche Eiszeit gewöhnen, die ihnen bevorsteht. Eine Tür weiter herrschen in der nächsten dunklen Kammer konstant 18 Grad minus. Peter Borgmann, Koordinator der Genbank für Wildpflanzen, zieht einige der silberfarbenen Beutel aus einer Kiste: Lungenenzian, Heidenelke, Leberblümchen, Beinwell. Viele bekannte Namen von Pflanzen, die langsam, aber stetig aus den Kulturlandschaften Mitteleuropas verschwinden. Dies zeigen ältere und aktuelle Verbreitungskarten.

Die wichtigsten Gründe dafür sind der Verlust von Lebensräumen zum Beispiel der Wiesenlandschaften sowie Pflanzendünger und Gifte, die von der modernen Landwirtschaft eingesetzt werden. Für einige Wildpflanzenarten ist eine Erhaltung am natürlichen Standort nicht mehr zu garantieren, erklärt der Wissenschaftler. Damit der genetische Bestand nicht vollends verloren geht, werden ihre Samen hier im Botanischen Garten der Universität in eine Art Tiefkühlschlaf versetzt.

2009 wurde die Genbank für Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft, kurz WEL, gegründet. Die Botaniker der Uni Osnabrück hatten damalsdie Initiative ergriffen und für drei Jahre Gelder vom Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung sowie vom Bundeslandwirtschaftsministerium für das Projekt eingeworben. Kooperationspartner sind Hochschulen in Berlin, Karlsruhe und Regensburg. Jetzt kann Prof. Sabine Zachgo stolz verkünden, dass die Arbeit weitergeht. „Die Verlängerung bis Ende 2013 ist beschlossen“, erklärt die Projektleiterin. Langfristig wünscht sich die Chefin des Botanischen Gartens eine dauerhafte Finanzierung auch durch die Landesregierung.

Gesammelt werden in der Genbank allein Pflanzen, die etwa für Arzneien, für Gewürze, zur Ernährung oder auch zur Energiegewinnung genutzt werden können. Im Arbeitsraum von Peter Borgmann liegen neben den Fachbüchern mit naturkundlichen Karten dicke Straßenatlanten. Die Suche nach den seltenen Samen ähnelt einem Detektivspiel. „Manche Standorte in einer Wiese sind nicht größer als 50 Quadratzentimeter“, erklärt Borgmann. Vor allem im Weserbergland, in den Salzwiesen der Ostfriesischen Inseln, in den Mooren Westniedersachsens und auf den Wiesen im Oberharz findet der Botaniker seine seltenen Pflanzen. Bevor er dort allerdings den Samen aus den Blüten entnimmt, muss Borgmann bei den Naturschutzbehörden eine Sammelgenehmigung beantragen. Schließlich stehen die meisten der begehrten Wildpflanzen unter Naturschutz.

Im Osnabrücker Institutsgebäude reinigen die Wissenschaftler das gesammelte Saatgut. Peter Borgmann reibt in einer grünen Plastikschale den Samen der Arnikapflanze zwischen den Fingern. Gefunden hat er die länglichen Körner in Ostfriesland. Ein aromatischer Duft steigt in die Nase. Auf dem Tisch steht ein Edelstahlgerät, in dem das Saatgut vakuumverschweißt in Alu-Beuteln verschlossen wird, bevor es in die Kühlkammer geht. Bis zu 5000 Samenkörner je Pflanzenart.

Eine Übersicht über die Bestände liefert eine elektronische Datenbank. Forscher anderer Institute, aber auch Saatgutzüchter können hier nach einer ­entsprechenden Vereinbarung Saatgut bestellen. So wird die Osnabrücker Gendatenbank zur Grundlage für die Neuzüchtung von Pflanzen, die zum Beispiel besser mit veränderten Klimabedingungen klarkommen. Der Wettlauf mit der Zeit aber geht weiter. Der Befund, den Peter Borgmann von seinen Touren mitbringt, ist eindeutig: „Der Artenrückgang ist im Gelände sichtbar.“

Bernhard Remmers

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