Demografischer Trend

Alternative Lebensform Familie

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Foto: Nur noch eine Option von vielen: Das Familienleben.

Hannover - Erstmals lebt mehr als die Hälfte der Deutschen ohne Eltern oder Kinder. Nur dort, wo die Wirtschaft brummt, ist es anders.

Sogar der Einfluss des Grundgesetzes stößt gelegentlich an seine Grenzen. Artikel 6 der deutschen Verfassung stellt die Familie unter einen „besonderen Schutz“. Was 1949 als Selbstverständlichkeit in das Grundgesetz aufgenommen wurde, wird immer mehr zu einer Schutzklausel für eine aussterbende Art des Zusammenlebens. Das zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des Statistischen Bundesamtes. Das Ergebnis markiert einen Wendepunkt: Erstmals lebt mehr als die Hälfte der Bundesbürger nicht mehr in familiären Strukturen.

Sind die Deutschen also das Familienleben leid? Die Statistik legt das nahe. Nur noch 49 Prozent der Bevölkerung lebten 2011 mit mindestens einem Elternteil oder Kindern unter einem Dach. Das ist nach Angaben der Statistiker der niedrigste Stand seit 1996. Damals hatte der Anteil noch 57 Prozent betragen. Frühere Jahre lassen sich aufgrund der Statistik nicht direkt vergleichen.

Vor allem sind es zwei demografische Großtrends, die die Familien zur Minderheiten-Lebensform gemacht haben: Zum einen werden die Deutschen immer älter – und leben damit länger ohne Kinder und Eltern. Vor allem aber halten sich die Bundesbürger beim Kinderkriegen zurück: 2011 zählten die Statistiker noch 663.000 Geburten – so wenig wie lange nicht. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 1964 waren in Deutschland (Ost und West) mit 1,4 Millionen mehr als doppelt so viele Babys zur Welt gekommen.

Der schlechte Stand der Familie hat jedoch auch mit wirtschaftlichen Perspektiven zusammen. Die neue Statistik legt nahe: Familien brauchen offenbar Zukunftsaussichten, um zu gedeihen. Am höchsten ist der Anteil derjenigen, die in Familien leben, in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen – ausgerechnet den drei Geberländern beim Länderfinanzausgleich. Dort sprudeln die Steuern, die Wirtschaft brummt, es gibt ausreichend Arbeitsplätze. Auch dort gibt es zwar weniger Familien als noch vor 15 Jahren, der Anteil liegt jedoch noch immer bei 53 Prozent.

„Die Menschen gehen dorthin, wo Arbeitsplätze sind und sie Perspektiven für sich und ihre Kinder sehen“, sagte Paritätischen-Verbandschef Ulrich Schneider am Mittwoch – und sprach von einer Abwärtsspirale aus Perspektivlosigkeit und dem Wegzug junger Menschen, der zu immer weniger Familienleben führe.

Auch in Niedersachsen ist das Familienleben nur noch eine mögliche Option. 2011 lebte genau die Hälfte der Menschen in familiären Strukturen. 1996 waren es immerhin noch 56 Prozent.

Am häufigsten familienlos sind die Deutschen im wirtschaftlich schwachen Osten. Die massivsten Veränderungen erlebten die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Dort leben heute nur noch 42 Prozent mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Vor 15 Jahren waren es noch fast zwei Drittel der Bevölkerung.

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