Leseschwäche

Analphabeten lernen in regionalen Zentren

Hannover - Fast jeder Zehnte kann nicht richtig lesen und schreiben. Das Land Niedersachsen sagt dem Analphabetismus jetzt den Kampf an. Das Schwierigste ist, an die Betroffenen heranzukommen. Denn kaum einer traut sich zuzugeben, dass er nicht lesen und schreiben kann.

Das Problem ist seit Langem bekannt. Doch wer es hat, verschweigt es tunlichst. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als funktionale Analphabeten. Jeder zehnte Deutsche hat schwere Probleme mit dem Schreiben und Lesen. „Bei den 18- bis 20-jährigen sind es sogar 20 Prozent“, sagte Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU), die ein weiteres Projekt im Kampf gegen den Analphabetismus vorstellte. So werden in Niedersachsen jetzt fünf regionale Grundbildungszentren ihre Arbeit aufnehmen - in Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Osnabrück und Lüneburg.

Die meisten Analphabeten, so Wanka, hätten sogar einen Job und kaschierten ihre Schwäche, so gut es eben gehe. „Wenn sie dann plötzlich doch noch lernen zu lesen, erleben sie dies wie ein zweites Leben“, sagt die Ministerin. Ute Koopmann von der Volkshochschule Braunschweig berichtet von einem VW-Arbeiter, der fast zwanzig Jahre seine Leseschwäche verbarg. Dafür habe er einen erstaunlichen Phantasiereichtum entwickelt, seine Arbeiten doch noch zu erledigen. „Es ist nur unheimlich schwierig, an diese Menschen heranzukommen“, sagt die Volkshochschulmitarbeiterin aus Braunschweig. Bei allen Angeboten werde der Begriff Analphabetismus vermieden, eher von „Problemen mit Computern“ gesprochen. Meist haben Männer Probleme mit Wort und Schrift. „Nach der Leo-Level-One-Studie vom vergangenen Jahr sind zu 60,3 Prozent die Männer betroffen, zu 39,7 Prozent die Frauen“, sagt Ministerin Wanka.

Allein das Land Niedersachsen gibt Jahr für Jahr etwa eine Million Euro für den Kampf gegen den Analphabtismus aus, der zumeist an den Volkshochschulen ausgefochten wird. „Sie bieten jetzt schon achtzig Prozent der Kurse an“, berichtet die Landtagsabgeordnete Astrid Vockert (CDU) als Vorsitzende des Landesverbandes der Volkshochschulen. Doch hätten viele Betroffene heute sogar schon Hemmungen, eine Volkshochschule zu besuchen. Deshalb sei „aufsuchende Sozialarbeit“ nötig. „Wir müssen in die Betriebe gehen“, sagt Ute Koopmann von der Volkshochschule Braunschweig.

„Die größte Schwierigkeit ist immer, an die Leute heranzukommen“, sagt Jürgen Walter, Vorsitzender des Niedersächsischen Bundes für Freie Erwachsenenbildung. Deshalb begrüße er das neue Modellprojekt.

So sollen an den fünf Gründungszentren Multiplikatoren geschult werden, die an potentielle Analphabeten herantreten - in Zusammenarbeit mit den Betrieben. Wenn möglich sollen auch Selbsthilfegruppen und Lerncafés eingebunden werden, Ansätze hierzu gibt es in Oldenburg und Lüneburg. „Ein bisschen Wasser will ich allerdings schon in den Wein schütten“, meint Jürgen Walter von der Freien Erwachsenenbildung an die Adresse der Ministerin. Die 125.000 Euro Startfinanzierung würden, wenn das Projekt ein Erfolg werde, wohl kaum reichen. Man werde erst einmal anfangen und dann ohnehin nach einem Jahr auswerten, sagt die Ministerin.

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