Hannoveraner zerstückelt

Angeklagter schildert Kannibalenmord

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Dresden - Im Prozess um den sogeannten Kannibalenmord in Dresden hat der Angeklagte die Tat geschildert: Er habe den 59 Jahre alten Geschäftsmann aus Hannover nicht umgebracht. Er habe nur das Versprechen gehalten, den Mann zu schlachten und zu zerstückeln.

Detlev G. überrascht mit immer neuen Details. Der Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen muss sich vor dem Landgericht Dresden wegen des Vorwurfs des Mordes und der Störung der Totenruhe verantworten. Er soll den 59-jährigen Wojciech S. aus Hannover getötet haben. Die Leiche hat er zerstückelt, die Zerstückelung auf Video festgehalten. Die Ermittler gruben die Körperteile im Garten seiner Pension im sächsischen Gimmlitztal aus.

Das Video, das die Zerstückelung der Leiche zeigt, sei für eine Frau in Berlin gewesen, sagte der 58-jährige Detlev G. nun einem Psychiater. Wojciech S. habe ihm ihren Namen, ihre Anschrift und ihre Telefonnummer gegeben, um ihr den Film zu schicken. So berichtet es Psychiater Andreas Marneros, am 15. Verhandlungstag. Marneros hat rund 15 Stunden mit Detlev G. gesprochen. Vor Gericht schweigt Detlev G. zur Tat.

Dass Wojciech S. Kontakt zu einer Frau in Berlin hatte, sagte bereits eine Freundin von ihm vor Gericht. Dass das Video für die Berlinerin bestimmt gewesen sei, hat der Angeklagte nie zuvor erwähnt. Auch dass Detlev G. vor der Tat die Droge Crystal Meth konsumiert habe, ist neu.

Opfer und Täter lernten sich in einem „Kannibalismus“-Forum kennen

Detlev G. sorgt wiederholt für Überraschungen. Am Tag seiner Festnahme stritt er ab, Wojciech S. zu kennen. Dann gestand er, ihn mit einem Schnitt durch die Kehle getötet zu haben. Doch S. starb nicht auf diese Weise, wie ein Rechtsmediziner feststellte. S. starb überhaupt nicht durch fremde Hand, sagen seit jeher G.s Verteidiger. Der Angeklagte habe ihnen früh gesagt, dass S. sich selbst getötet habe.

Wojciech S. und Detlev G. hatten sich im Internet in einem „Kannibalismus“-Forum kennengelernt. S. träumte davon, geschlachtet und gegessen zu werden. Der LKA-Mann gab dort an, einen anderen schlachten zu wollen. Dies sei bloß „eine Spielerei“ gewesen, er habe es nicht ernst gemeint, sagte Detlev G. nun Psychiater Marneros.

Vor der Tat gab es noch Kaffee

Am 4. November 2013 holte der Angeklagte Wojciech S. am Hauptbahnhof Dresden ab. Schon auf der Autofahrt zur Pension habe G. ihm gesagt, dass S. am nächsten Tag wieder abreisen solle, da er ihn nicht töten könne. S. habe gebettelt und gefleht und schließlich angeboten: „Dann tue ich das selbst, wenn du mir versprichst, dass ich anschließend geschlachtet und gegessen werde.“ G. habe „Mitleid“ mit S. gehabt. „Er war so glücklich, seine Augen haben geleuchtet wie bei einem Kind, das sich auf Weihnachten freut“, sagte G. dem Gutachter.

In der Pension haben sie laut G. erst Kaffee getrunken, dann seien sie in den Keller gegangen. Dort habe G. den Mann auf dessen Wunsch hin gefesselt und geknebelt und ihn schließlich allein gelassen. Als er wiederkam, sei S. tot gewesen.Detlev G. sagte dem Psychiater, er habe geglaubt, dass Wojciech S. ihm beim Zerteilen seines Körpers zuschaue. Daher habe er so getan, als hätte er Spaß daran. In Wahrheit habe ihn das Zerteilen nicht sexuell erregt. Er hätte nur ein medizinisches Interesse an dem Penis des Toten gehabt. Sein Traum sei gewesen, Arzt zu werden. Tatsächlich fanden die Ermittler in einem Nebengebäude der Pension eine Art Arztpraxis. Den Penis des Toten fanden sie nicht. Detlev G. bestreitet, Körperteile verspeist zu haben. Ein Rechtsmediziner kann nicht ausschließen, dass sich der Penis unter den anderen Leichenteilen befand. Kannibalismus kommt in der Anklage nicht vor.

Der Angeklagte hat keine Schuldgefühle

Zwei Nächte habe die Zerstückelung gedauert, sagte G. dem Psychiater. Zwischendurch sei er zur Arbeit ins LKA gefahren. Er habe weder Schuldgefühle noch Albträume gehabt. Er habe es so empfunden, sagte Detlev G., dass er Wojciech S. dabei geholfen habe, „sein Glück zu finden“.

Das Video von der Leichenzerteilung hat der Angeklagte nicht nach Berlin geschickt, sondern gelöscht. Die Ermittler haben es wiederhergestellt. Im Video hängt Wojciech S. gefesselt und geknebelt in einer Schlinge. Wie er dorthin gekommen ist, zeigt der Film nicht.

Das Gericht will nun nach dem Namen der Frau auf dem Computer des Angeklagten suchen. Der Prozess wird am 2. Februar fortgesetzt.

Mord oder nicht? Die Bedeutung des Tatvideos

Detlev G. ist wegen Mordes angeklagt, weil die Staatsanwaltschaft von zwei möglichen Mordmerkmalen ausgeht: Befriedigung des Geschlechtstriebes und Mord, um eine andere Straftat zu ermöglichen, nämlich „Störung der Totenruhe“. Detlev G. bestreitet, den Hannoveraner getötet zu haben. Er sei bei der Tat auch nicht erregt gewesen. Dass er nun sagt, die Zerstückelung habe er nicht für sich, sondern für eine Frau gefilmt, hat juristische Bedeutung und verweist auf den Fall des „Kannibalen von Rotenburg“.Der sogenannte Kannibale von Rotenburg hat 2001 in Hessen einen Mann auf dessen Wunsch getötet, Teile seines Körpers gegessen und die Tat gefilmt. In erste Instanz haben die Richter keine Mordmerkmale gefunden. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil 2005 auf: Von einem Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes ist auch dann auszugehen, wenn der Täter bei der Tat selbst nicht erregt ist, er aber eine spätere Befriedigung mithilfe eines Videos angestrebt hat. Das zweite Urteil gegen den Kannibalen lautete: Mord.

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