Britische Armee zieht aus Hameln ab

„Auf einen Schlag stehen 340 Wohnungen leer“

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Foto: Am Donnerstag marschierten Soldaten des 4th Battalion The Royal Regiment of Scotland durch Bad Fallingbostel, am Sonnabend verlassen die Briten Hameln.

Hameln - Sie kamen als Befreier, blieben als Besatzer und werden nach rund 70 Jahren nur ungern verabschiedet. Die letzten Truppen der Britischen Rheinarmee stehen in NRW und Niedersachsen vor der Räumung ihrer Kasernen. Was aber geschieht mit den Militärflächen und Wohnungen?

Leerstehende Wohnungen, ungenutzte Militärareale und ein Kaufkraftverlust: Der Abzug der britischen Streitkräfte trifft in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vor allem die Garnisonsstandorte auf dem Land, während Großstädte wie Münster oder Osnabrück für Flächen und Wohnraum leichter eine neue Verwendung finden. Mit ihrem Abschied aus Hameln an diesem Samstag hinterlässt die Rheinarmee eine schmerzliche Lücke. Sorgen gibt es auch in der Lüneburger Heide, wo die Kasernen in Bergen und Bad Fallingbostel im kommenden Jahr schließen. In Detmold, Herford und Gütersloh wird ebenfalls an Konzepten gefeilt, 2020 sollen alle Truppen Deutschland verlassen haben.

Wenn das 28. Engineer Regiment am Sonnabend die Fahne in der Hamelner Linsingen-Kaserne einholt, geht eine Ära zu Ende. Nach 69 Jahren werden die britischen Soldaten die Rattenfängerstadt endgültig verlassen. „Der Abzug ist ein Einschnitt von historischer Dimension“, sagt Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann (parteilos).

Seit 1945 haben die Briten Hameln mitgeprägt. Bis 1990 waren in der Stadt, die heute rund 56.000 Einwohner hat, gut 3500 Soldaten stationiert. Seither ist die Zahl kontinuierlich gesunken. Zuletzt hatte das Regiment noch rund 470 Soldaten. Sie wollen sich am Sonnabend mit einer Parade durch die Innenstadt von der Bevölkerung verabschieden, um Mitternacht gibt es ein Feuerwerk.

Enormer Verlust für Hameln

Für die Stadt bedeute der Abzug einen enormen Kaufkraftverlust, hatte Lippmann jüngst beklagt. Und Hunderte von Zivilangestellten sind ihre Arbeitsplätze los. Ein weiteres Problem: Rund 340 Wohnungen stehen auf einen Schlag leer. „Es gibt hier auch so schon ein Überangebot an Wohnraum“, sagt Verwaltungssprecher Thomas Wahmes. „Es wird lange dauern, bis der Markt das alles geschluckt hat.“

Optimistischer ist die Verwaltung bei der Nachnutzung des Kasernengeländes und anderer von den Briten genutzter Areale im Stadtgebiet. „Da laufen umfangreiche Vorbereitungen und Planungen“, sagt Wahmes. „Es gibt Interessenten. Und es mangelt nicht an Ideen. Konkretes gibt es aber noch nicht.“

Schwieriger stellt es sich in Bergen dar, wo am Sonntag aus Afghanistan zurückkehrende Briten nach einer Parade vor dem Rathaus mit Orden ausgezeichnet werden. Wenn bis Ende kommenden Jahres alle Soldaten abgezogen sein werden, schrumpft der 13.000-Einwohnerort auf einen Schlag um 2500 Menschen. „Es gibt einen Überbestand an Wohnungen, der nachteilig für die Stadtentwicklung ist“, sagt Stephan Becker, der städtische Projektmanager. Zwei Hochhäuser und andere Wohnblocks sollen abgerissen werden. Um die in Privatbesitz befindlichen Häuser zuvor aufkaufen zu können, hofft die Stadt auf Unterstützung durch Bund, Land und den Kreis.

Da es dafür noch keine Fördermöglichkeiten gebe, könne das Land hierzu nicht ohne weiteres Geld bereitstellen, sagte der Sprecher der Landesregierung in Hannover, Michael Jürdens. Ob, inwieweit und wann es Veränderungen in der Städtebauförderung geben kann, werde geprüft.

Auch andernorts ziehen die Briten ab

Um einem Teil der Briten das Bleiben in Bergen und den Wechsel in einen zivilen Beruf schmackhaft zu machen, gibt es monatliche Infotreffen, im September ist eine Messe geplant. „Das stößt auf Interesse“, meint Becker. Wie viele der Briten am Ende bleiben, ist noch offen. Nicht ganz unproblematisch ist für den überschaubaren Ort, dass sich in freiwerdenden Wohnungen inzwischen rund 100 Rumänen auf der Suche nach Arbeit einquartiert haben, doch viele freie Jobs gibt es in der Region nicht wirklich. Dabei hat Bergen die Idee, möglicherweise mit einem Ausbildungszentrum für südeuropäische Jugendliche neue Einwohner auf Zeit zu erhalten.

„Es bleibt ein schwieriger Prozess“, sagt der Standortexperte der Industrie- und Handelskammer in Lüneburg, Martin Exner. „Ein Konzept ist noch nicht erkennbar.“ Bei einem Unternehmertreffen im Herbst will die IHK die Unmwandlung (Konversion) der Militärstandorte zum Thema machen.

Weiter ist man da inzwischen in Münster, wo die letzten Soldaten im vergangenen Sommer abzogen. Vor drei Wochen ging der Wettbewerb für die zivile Nachnutzung der York-Kaserne in Münster-Gremmendorf zu Ende, wo nun nach den Plänen des ausgewählten Architektenbüros eine Gartenstadt im Grünen entstehen soll.

dpa

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