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Ausländische Fachkräfte: Deutschland muss netter werden

Hannover/Neu Dehli - Die Welt wirbt um die klugen Köpfe – aber ohne eine „Willkommenskultur“ tun sich die Deutschen schwer, ausländische Fachkräfte zu begeistern.

Maria kam vor einem Jahr, und im Grunde waren ihre Ansprüche nicht sehr hoch. Sie kannte dieses Land ja nicht, in das sie gehen würde, dieses Deutschland, sie war noch nie zuvor hierher gereist. Sie hatte nur gehört, dass Ärzte hier gesucht werden, und etwas Besseres als das Leben daheim in Griechenland, dachte sie, würde sie auf jeden Fall finden: „Ich wollte nicht mehr inmitten der Depression leben.“

Heute, gut zwölf Monate später, ist die 29-jährige Medizinerin selbst der Mutlosigkeit nah. Seit einem halben Jahr arbeitet sie im Krankenhaus einer norddeutschen Kleinstadt. Die Erfahrungen, die sie als Einwanderin mit dem deutschen Klinikwesen gemacht hat, sind zusammengefasst: verheerend. Ob sie schon mal daran gedacht hat, nach Griechenland zurückzukehren? „Einmal?“, fragt Maria K. zurück. „Viele Male habe ich das überlegt.“

Dabei gehört sie zu denen, die in Deutschland eigentlich hochbegehrt sind. Maria K. hat ein abgeschlossenes Medizinstudium, sie spricht tadellos Deutsch, sie ist jung, freundlich, flexibel. Was sie in den ersten Monaten bei ihrem neuen Arbeitgeber erlebte, gibt ihr jedoch das Gefühl, eher geduldet als erwünscht zu sein.

Ein Platz im Wohnheim, bis sie eine Wohnung gefunden hat? Hilfe bei der Anerkennung ihrer Approbation? Eine kurze Einweisung in die Dokumentation, das Computersystem, das Verfassen der Arztbriefe? Alles Fehlanzeige. Maria K. fühlte sich alleingelassen. „Die Kollegen haben einfach nicht mit mir gesprochen.“ Eine herzliche oder auch nur freundliche Aufnahme, so viel steht fest, sieht anders aus.

Genau das ist ein Problem. Denn Deutschland ist längst darauf angewiesen, dass Menschen wie Maria K. nach hierher kommen – und sich wohlfühlen und bleiben. Vor allem an Ärzten und Ingenieuren herrscht massiver Mangel. Um sie, die qualifizierten Fachkräfte, wirbt Deutschland inzwischen auch außerhalb Europas. Die Erfolge jedoch sind überschaubar.

Die Blue Card jedenfalls, eine neue Eintrittskarte nach Deutschland für gut Ausgebildete aus aller Welt, verstaubt derzeit in den Amtsregalen. Im August hat die Bundesregierung sie eingeführt. Seitdem wurden gerade mal 139 Karten vergeben – die meisten davon an Ausländer, die bereits seit Längerem hier leben. Aus den Krisenländern Südeuropas, deren Bewohner in allen EU-Ländern auch ohne Blue Card arbeiten dürfen, drängen zwar immer mehr junge Menschen nach Deutschland. Akademiker sind jedoch auch hier Mangelware. Der Grund? Deutschland sei im Ausland nicht gerade berühmt für seine Willkommenskultur, sagte Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, jüngst der „Welt“. „Eine Gesetzesänderung allein kann nicht reichen, um Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiv zu machen.“ Müssen wir also lernen, ein bisschen netter zu fremden Mitmenschen zu werden?

Irena Angelovski bejaht diese Frage ohne Zögern. Die Tochter eines Arztes, der einst aus Mazedonien nach Deutschland kam, leitet beim hannoverschen Unternehmen Excurs interkulturelle Trainings für Kliniken und medizinisches Personal. Sie kennt eine Menge Geschichten, die ähnlich klingen wie die Erfahrungen von Maria K. Zum Beispiel die von dem Arzt aus Südeuropa, den der Chefarzt am OP-Tisch beiläufig fragt: „Na, habt ihr denn überhaupt Strom bei euch zu Hause?“ Oder die von dem jungen afrikanischen Arzt, der sich bei der Betrachtung eines zu dunkel geratenen Röntgenbilds aus dem Kreis der Kollegen anhören darf: „Sieht ja aus wie Negerschlacht im Tunnel.“

Anekdoten wie diese illustrieren für sie einen noch immer verbreiteten deutschen Denkfehler: Nicht wir müssen uns um die Zuwanderer und ihre Arbeitskraft bemühen – sondern diese müssten dankbar dafür sein, in Deutschland leben zu dürfen. Aus diesem Grund, sagt Angelovski, seien Mentorenprogramme und systema­tische Einarbeitungskurse hier immer noch die große Ausnahme.

Gerade erst hat sie gelesen, dass der Präsident der deutschen Krankenhaus­direktoren ausländische Ärzte wegen schlechter Deutschkenntnisse als Sicherheitsproblem bezeichnete. Angelovski hofft, dass solche Sätze nicht zu den Bewerbern aus dem Ausland durchdringen – sonst würden womöglich noch mehr gleich nach Skandinavien oder Großbritannien weiterziehen. Wundern dürfe sich darüber niemand, sagt Angelovski: „Es liegt nicht an denen, es liegt an uns.“

Das Ansehen der Deutschen im Ausland ist hoch, als Gastgeber haben sie jedoch ­einen mäßigen Ruf. Noch immer gelten wir vielerorts als kühl, distanziert, strebsam, aber eben nicht umwerfend sympathisch – besonders in Indien. Hier, wo ­Zigtausende exzellent ausgebildete Junge übers Auswandern nachdenken, bemüht sich Deutschland gerade eifrig um eine Imagekorrektur. Ein Beispiel sind die Parkfeste in Indiens Megastädten, bei denen deutsche Wissenschaftler und Firmen in 16 Pavillons für ihre Heimat werben. Es ist eine Initiative der gewaltigen Dimensionen: Allein in Neu-Delhi kamen Ende Oktober mehr als 100.000 Besucher.

In den vergangenen Jahren haben solche Versuche wenig gefruchtet. Was die freundlichen Botschafter Deutschlands in vielen Gesprächen mühsam an dezenten Änderungen erreichten, machte etwa die in Asien nicht vergessene „Kinder statt Inder“-Kampagne auf einen Schlag wieder zunichte. Da gingen junge Akademiker lieber nach San Francisco oder London.

Im Moment jedoch scheint sich das stete Werben auszuzahlen. Beim Parkfest jedenfalls zeichnen in diesem Jahr auffallend viele junge Inder ein positives Deutschlandbild. Die 21-jährige Studentin Nadisha Kumar zum Beispiel lernt bereits seit drei Jahren Deutsch. „Wenn ich die Möglichkeit bekomme, will ich auf jeden Fall nach Deutschland“, sagt sie. ­Ihren Freund muss sie zum Mitkommen nicht lange überreden: Gagan Singh Chauhan ist Fan des deutschen Fußballs – und selbst indischer Nationalspieler. Der moderne Fußball der deutschen Nationalmannschaft trägt viel dazu bei, Deutschland hier ein wenig freundlicher erscheinen zu lassen. Dazu kommt der fast schon klassische Reiz der alten deutschen Stärken: „Die deutsche Technologie ist sehr innovativ“, sagt der 30-jährige Mamender Sharma, der im Finanzwesen arbeitet.

Es reicht nur nicht, dass die jungen Menschen nach Deutschland kommen. Sie müssen dann hier auch bleiben wollen. Dass genau dies ein schwieriges Thema ist, haben mehr als ein Dutzend Unternehmer aus dem Emsland in diesem Jahr erfahren. Weil sie Mühe hatten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, haben sie in diesem Jahr 15 junge Spanier zum Praktikum gebeten. Sechs machen jetzt eine Ausbildung. Sechs von 15. Zu jenen neun, die dem Emsland den Rücken kehrten, gehört Javier Cano Martinez. Der 26-Jährige lebt jetzt in Madrid und studiert Psychologie. In Sögel Heizungen zu installieren, sagt er, „war dann doch nicht das Richtige für mich“.

Martinez hat das ganze Willkommensprogramm absolviert, das die Emsländer für ihre Gäste geschnürt hatten. Persönliche Betreuerin, Sprachkurs, Besuch in Berlin, Einführung in die lokalen Vorlieben samt Schützenfest, Anradeln und Traktorpulling. Die Emsländer wollen die mäßige Quote nicht als Misserfolg verstanden wissen. Im kommenden Jahr werde es einen neuen Anlauf mit noch mehr Firmen geben, kündigt Jens Stag­net von der Ems-Achse an.

Das Beispiel der Emsländer zeigt jedoch, dass auch ein noch so aufwendiges Willkommenspaket die Unterschiede zwischen Albacete und Sögel nicht zu verwischen vermag – und allein die Not in der Heimat niemanden in der Fremde heimisch macht.Maria K., die griechische Ärztin, hat sich gerade einen neuen Job in einem anderen Krankenhaus gesucht. Sie will Deutschland noch eine Chance geben. „Vielleicht wird es da ja besser.“ Falls nicht, würde sie wohl doch nach Griechenland zurückkehren. Es gibt dort eine Stelle, die für sie freigehalten wird. Es läuft vieles nicht gut in Griechenland, das weiß sie. Aber es soll nur niemand denken, dass sie deshalb auf Deutschland angewiesen ist.

Thorsten Fuchs und Christina Molhoff

„Nur gute Erfahrungen“: Hinrich Meisterknecht, Vorstand der Firma abat in Bremen, im HAZ-Interview über ausländische Fachkräfte

Herr Meisterknecht, Sie haben mehrere Mitarbeiter in Spanien angeworben. Warum?

Wir als abat wachsen ständig und suchen permanent gut ausgebildete Berater und Entwickler zur Einführung und Erweiterung der Software SAP. Da wir unseren Bedarf in Deutschland nicht ausreichend decken konnten, lag es nahe, dass wir uns im Ausland nach geeigneten Mitarbeitern umsehen.

Wie findet man denn die richtigen Leute in Spanien?

Unser langjähriger Mitarbeiter Gonzalo Sierra Rodriguez wusste von den Problemen und schlug bereits im Frühsommer 2011 vor, eine Anzeige im spanischen Portal Infojobs.es zu schalten – und zwar auf Deutsch, um auf diese Weise gleich sprachlich versierte Interessenten anzusprechen. Herr Rodriguez hatte durch persönliche Kontakte nach Spanien erfahren, dass viele Hochschulabsolventen dort wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise nach dem Studium keine angemessene Stelle mehr finden. Darunter sind hochqualifizierte Informatiker, Betriebswirtschaftler, Mathematiker und Physiker – also gerade die jungen Akademiker, die wir dringend benötigen.

Aber von Softwareprozessen verstehen diese Absolventen doch nicht unbedingt etwas?

Das ist auch nicht entscheidend; für unsere Juniorenstellen sind SAP-Kenntnisse nicht zwangsläufig Voraussetzung, das alles lässt sich lernen. Für uns entscheidend sind Kenntnisse betriebswirtschaftlicher Prozesse und moderner Technologien sowie soziale Kompetenzen.

War das Angebot einer deutschen Firma für Spanier überhaupt interessant?

Ja, innerhalb von nur wenigen Tagen bewarben sich 39 Kandidaten. Ich habe dann zusammen mit Herrn Rodriguez vor Ort in Madrid die Bewerbungsgespräche geführt. Schon nach einem Monat nahmen drei Bewerber bei uns in Bremen ihre Arbeit im SAP-Entwicklungs- und Beraterbereich auf.

Glauben Sie denn, dass sich die spanischen Kollegen im auch menschlich eher kühlen Norddeutschland wohlfühlen?

Absolut, es gefällt ihnen sogar so gut, dass sie ihren Freunden in der alten Heimat davon vorschwärmen und ihnen empfehlen, sich ebenfalls um einen Job zu bewerben. Mittlerweile arbeiten schon sechs Kollegen aus Spanien bei uns.

Die Qualifikation mancher ausländischer Fachkräfte wird auch kritisch gesehen. Birgt das ein gewisses Risiko?

Wir jedenfalls haben nur gute Erfahrungen gemacht. Mit wenig Aufwand haben wir einen großen Erfolg erzielt.

Interview:Alexander Dahl

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