Nach Mädchenmord

Autor von Lynchjustiz-Aufruf vor Gericht

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„Da hat Emden sein wahres Gesicht gezeigt“: Menschen aus ganz Ostfriesland gedenken in Emden der ermordeten elfjährigen Lena.dpa

Emden - Es war ein Mob von 40 bis 50 Menschen, der nach dem Mord an Lena vor der Polizeiwache in Emden den Kopf des Verdächtigen forderte. Die Polizei nahm keine Personalien auf. Darum steht am Mittwoch ein 18-Jähriger, der bei "Facebook" zum Sturm auf das Kommissariat aufgerufen hatte, als einziger Beteiligter vor Gericht.

Erst gut zwei Monate ist das nun her, aber in seiner Stadt geht das Leben beinahe schon wieder seinen gewöhnlichen Gang. Nicht normal fand Oberbürgermeister Bernd Bornemann, was den Emdern im März widerfahren ist. „Wie gelähmt“ seien die Menschen in den unwirklichen Wochen nach dem gewaltsamen Tot der kleinen Lena gewesen. Er habe eine „gewaltige Betroffenheit“ in der Stadt gespürt. Vor allem, aber nicht nur wegen des Mordes am 24. März. „Denn dann kamen ja die weiteren Ereignisse hinzu.“ Bornemann schämt sich noch heute.

Der Oberbürgermeister meint unter anderem den Lynchaufruf, den ein 18-Jähriger am 27. März im Internetportal „Facebook“ platziert hat, mit fataler Wirkung. 45 bis 50 Menschen, so steht es in der Anklageschrift, rasteten danach vor dem Polizeirevier aus und forderten die Herausgabe eines 17-Jährigen, den die Mordkommission damals für den Täter hielt, fälschlicherweise. Auch der junge Mann versucht sich heute in Normalität. Er sucht eine Lehrstelle, die Stadt hilft.

Doch am Mittwoch werden die Erinnerungen wieder wach, wenn sich der Urheber der kruden Zeilen vor dem Amtsgericht verantworten muss, und dann fällt der Scheinwerfer wieder auf die Stadt am Dollart. Die Staatsanwaltschaft wertet die wohl eher unbedarft ins Internet gehackten Sätze als einen öffentlichen Aufruf zu Straftaten. Als „Stadt des Hasses“ stand Emden kurzzeitig bundesweit da. Das sagt Oberstaatsanwalt Klaus Visser, selbst in Emden zu Hause und erschüttert darüber, welches Gift die im Internet abgekippten Gerüchte in der Stadt verbreiteten. Er wird am Mittwoch die Anklage verlesen.

Mit bis zu fünf Jahren Haft sanktioniert das Erwachsenenstrafrecht, was der 18-Jährige getan hat. Er hat - ob ernsthaft oder nicht - kurzen Prozess für Lenas angeblichen Mörder gefordert. Der junge Mann darf hingegen hoffen, dass die Justiz Milde walten lässt. Visser geht davon aus, dass das Gericht Jugendstrafrecht anwenden wird. „Er hat die Tat zugegeben, er hat die Tragweite seiner Zeilen nicht überdacht, und er hat sie bedauert.“ Was außerdem für den jungen Mann spricht: „Er hat sich ausdrücklich beim Verdächtigen entschuldigt.“

Das ist eine der vielen Ungeheuerlichkeiten, die rund um den Mord an dem elfjährigen Mädchen geschehen sind: Nur drei Tage, nachdem am frühen Sonnabendabend Lenas Leiche im Parkhaus in der Innenstadt gefunden worden war, nahm die Polizei am 27. März um 19 Uhr einen 17-Jährigen fest. Schon kurz nach der Festnahme erschienen im Internet die unheilvollen Sätzen: „Aufstand! Alles zu den Bullen, da stürmen wir hin... Lasst uns das Schwein tothauen!“

923 „Facebook“-Freunde bekamen die Zeilen automatisch zu lesen, 33 immerhin drückten ihre Zustimmung aus, indem sie auf den in das Netzwerk integrierten „Gefällt mir“-Button klickten. Von 22.50 Uhr an versammelten sich zunächst zwölf überwiegend Junge Leute vor der Toreinfahrt des Polizeikommissariats in Emden. Bis ein Uhr in der Nacht wuchs ihre Zahl auf bis zu 45 Menschen an, bis sich schließlich um 4.30 Uhr die letzten Empörten trollten. So steht es in dem Bericht, den das Innenministerium in Hannover von der zuständigen Polizeidirektion Osnabrück angefordert hat. „Emden schützt die Kinderschänder“ skandierten demnach Einzelne aus der Menge und forderten: „Schickt das Schwein raus.“ Man werde sich um den kümmern. Darin, so sagte es Oberstaatsanwalt Visser der „Emder Zeitung“, könnte man die Straftatbestände des Landfriedensbruchs und der Störung der öffentlichen Ordnung sehen.

Und dennoch wird der 18-Jährige wohl der Einzige bleiben, der für die hässliche Geschichte zur Rechenschaft gezogen wird. Unklar ist auch, ob er selbst da war. „Das Problem ist: Die Polizei hat keine Personalien erhoben“, sagt Visser. Sie hat den Mob gewähren lassen. Der Leiter der Polizeiinspektion Leer/Emden, Johannes Lind, versucht inzwischen, das Geschehen herunterzureden und die Untätigkeit als Beitrag zur „Deeskalation“ zu rechtfertigen. Auch darum steht die Emder Polizei in der Kritik. Der Innenausschuss des Landtags in Hannover hat sich der Sache angenommen.

Wie es anders geht, hat Bornemann bewiesen: In einer bemerkenswerten Rede vor 2500 Menschen in der Stadt hat sich der Oberbürgermeister nach dem Aufruhr für Emden entschuldigt und offen seine Scham ausgedrückt. „Daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Der Menschenauflauf vor dem Polizeirevier, „das war nicht Emden“. Sein wahres Gesicht habe die Stadt gezeigt, nachdem 1700 Emder einem Facebook-Aufruf zur Schweigeminute am Tatort folgten. Aus dem Lynchaufruf hat die Stadt eine Lehre gezogen: Ein schon ausgelaufenes Projekt, dass Jugendlichen die Gefahren des Internets näherbringen soll, wurde verlängert.

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