Landwirtschaft

Bauer will mit Bruderhahn Initiative Küken retten

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Die Bruderhahn Initiative Deutschland (BID) soll männlichen Küken ein längeres Leben ermöglichen.

Uelzen - Mehr als 100.000 Küken am Tag werden bundesweit gleich nach dem Schlüpfen getötet. Die Brüder der eierlegenden Turbohennen enden als Tierfutter oder werden entsorgt. Die Wissenschaft sucht Auswege, doch ein Bauer aus Uelzen hat für seine Hähnchen schon einen gefunden.

Eintagsfliegen leben bis zu drei Jahre als Larven im Wasser, dann fliegen manche von ihnen noch einige Tage umher, finden einen Partner und sterben einen natürlichen Tod. Eintagsküken leben nur wenige Stunden, dann werden sie vergast oder geschreddert. „Eintagsküken darf es nicht geben“, sagt Carsten Bauck. Der Landwirt betreibt einen Biohof in Klein Süstedt, einem dörflichen Vorort von Uelzen. „Bis zu 50 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr allein in Deutschland getötet. Weltweit sind es Milliarden.“

Moderne Legehennen sind mager. Sie sollen viele Eier legen und wenig Futter verbrauchen. Das Fleisch liefern Masttiere, die aber nicht zum Eierlegen taugen. Da sind die männlichen Küken der Eierleger nutzlos. "Die meisten landen in den Tierkörper-Beseitigungsanlagen und dann über die Asche im Straßenbau", sagt Bauck. „Das verstößt gegen den Tierschutzgedanken im Grundgesetz!“ Kein Tier dürfe ohne vernünftigen Grund getötet werden, verlange das Tierschutzgesetz. Die Verarbeitung eines Bruchteils der anfallenden Körper zu Tierfutter sei da nur ein Alibi.

Kunden unterstützen Initiative

Bei der von Bauck angeregten Bruderhahn Initiative Deutschland (BID) finanzieren die Hennen mit den Eiern das längere Leben ihrer Brüder: „Ein Cent geht an die Kriegskasse des BID, drei Cent brauchen wir mehr für den Bruder“, erklärt Bauck. „Die Kunden ziehen voll mit“, freut er sich. „Die vier Cent mehr spielen keine Rolle.“ Das Projekt funktioniere nur, weil sich drei Großhändler und ein Bio-Babykosthersteller dafür umgestellt hätten. „Unsere Bruderhähne leben fünf Monate, dann werden sie zu Babykost verarbeitet“, sagt Bauck. Auch in einem ökologischen Betrieb sterben sie einen gewaltsamen Tod, aber keinen sinnlosen, das ist ihm wichtig.

„Das ist ein Problem unserer Gesellschaft - wir müssen unsere Essgewohnheiten ändern“, fordert Bauck. „Wir sollten weniger Tiere essen, und wenn überhaupt, dann mit Genuss wie einst den Sonntagsbraten.“ Die Konsumenten sollten nicht nur darüber nachdenken, ob man Tiere überhaupt essen darf und welchen Preis man für angemessene Haltungsbedingungen bezahlen will. „Der Verbraucher muss sich fragen: In welcher Situation werden meinetwegen Tiere getötet“, fordert der 37-Jährige. „Auch für die Eier und den Käse der Vegetarier sterben Tiere. Wenn ich Eier esse, kann ich aber mitbestimmen, wie das Tier gehalten wird.“

Geschlechtsbestimmung im Ei soll Kükentod beenden

Tausende junge Hähne drängen sich an diesem kalten Tag in einem Stall aneinander, statt die Auslaufmöglichkeit nebenan zu nutzen. Eine Gruppe steht besonders eng zusammen. „Legal wären fast dreimal so viele auf dem Quadratmeter - ohne Auslauf“, sagt Bauck.

„Wir müssen hin zum Zwei-Nutzungstier. Da gibt es zwar weniger Eier, aber das Fleisch könnte voll genutzt werden“, sagt Bauck. Die Züchtung eines solchen Huhns würde nach Angaben der Agrarindustrie rund 20 Millionen Euro kosten. Bauck hat es selbst versucht, ist aber gescheitert. Die Tiere wurden fett und legten immer weniger. „60.000 Euro haben wir versenkt. Das ist eine Menge für einen kleinen Betrieb wie uns“.

Wissenschaftler wollen durch Geschlechtsbestimmung im Ei den Kükentod beenden. Als führend gilt eine Forschergruppe um Maria Krautwald-Junghanns, Direktorin der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig. „Aus Tierschutzgründen wollen wir die Eier möglichst früh untersuchen, am besten gleich nach dem Legen, wenn die Eier noch nicht bebrütet sind. Dann könnten sie auch noch weiter vermarktet werden“, erklärt die Professorin. Doch das könne noch Jahre dauern, der Ausgang sei ungewiss: „Wir hoffen natürlich, dass wir die Marktreife in einigen Jahren erlangen können. Wir wissen aber noch nicht sicher, welche Methode überhaupt marktreif sein wird.“

Tropfen auf den heißen Stein

Carsten Bauck bleibt optimistisch: Brüten kostet, und nicht nur in Niedersachsen machen zunehmend auch Behörden Druck. Sein Ziel: nur noch BID-zertifizierte Tiere, zumindest im Bio-Handel. „Dass wir 30.000 Bruderhähne aufziehen ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein – aber es ist ein Denkanstoß“, sagt er. „Unser Traumkunde ist ein Vegetarier, oder ein Fleischesser, der weiß, was er tut!“

dpa

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