Sorgentelefon

„Bei uns suchen viele Landwirte Trost“

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Am anonymen Sorgentelefon für Landwirte in Barendorf spricht eine Beraterin mit einem Ratsuchenden. Der rasante Strukturwandel der Landwirtschaft treibt viele Bauern in die Verzweiflung.

Oesede - Seit 20 Jahren berät ein Sorgentelefon im Landkreis Osnabrück Bauernfamilien bei Konflikten. Finanziert wird vom Landwirtschaftsministerium und vom Bistum Osnabrück. Die Berater versuchen in Not geratenen Bauern und ihren Familien zu helfen. Das Angebot scheint anzukommen.

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine junge Frau. Sie klagt darüber, dass sich ihre Schwiegermutter nicht an Absprachen hält. Auf den ersten Blick ein Problem, das auf viele Beziehungen zutrifft und nicht gravierend scheint. Doch in diesem Fall ist es anders: Die Frau betreibt gemeinsam mit ihrem Mann und dessen Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie alle sind darauf angewiesen, dass die Kommunikation stimmt, die Generationen miteinander auskommen und zusammenarbeiten, damit die Existenz gesichert ist. Der Berater am Telefon fragt die Landwirtin: „Was sagt denn Ihr Mann dazu?“ Mit dem habe sie noch gar nicht über das Problem gesprochen, fällt der Ratsuchenden in diesem Moment auf.

Es scheint, als habe der Blick eines Außenstehenden der verzweifelten Frau die Augen geöffnet, ihr eine andere Perspektive gezeigt. Vielleicht der erste Schritt auf dem langen Weg, ihren Konflikt zu lösen. Mit einem solchen Blick versuchen Berater einer ganz besonderen Telefonseelsorge landesweit, in Not geratenen Bauern und ihren Familien zu helfen. Das Angebot scheint anzukommen. So hat die Katholische Landvolkhochschule Oesede im Kreis Osnabrück, die bereits seit 20 Jahren die spezielle Art der Seelsorge betreibt, ihr Angebot zum Beginn dieses Jahres aufgestockt: Seit Januar stehen die Berater nun fünfmal statt wie bisher nur einmal pro Woche zur Verfügung. Natürlich anonym.

Jährlich rund 80 niedersächsische Landwirte suchen Trost

„Bei uns suchen jährlich rund 80 niedersächsische Landwirte Trost“, sagt Ludgar Rolfes, Mitbegründer des Landwirtschaftlichen Sorgentelefons Oesede und heutiger Geschäftsführer. Oft seien es Kommunikationsschwierigkeiten in der Ehe und Generationskonflikte, die die Landwirte dazu bewegten, zum Hörer zu greifen. „In vielen Fällen trauen die Väter ihren Söhnen nichts zu oder wollen selbst an der Macht bleiben, oder die Ehefrau fühlt sich auf dem Hof nicht wohl, traut sich das aber gegenüber ihrem Mann nicht zu äußern“, berichtet Rolfes, der selbst jahrelang als Berater am Telefon gesessen hat. Eher selten seien es finanzielle Schwierigkeiten, die die Landwirtsfamilien schildern.

Die Zahl der Anrufe sei seit der Einrichtung des Sorgentelefons etwa gleich geblieben. Nur einmal habe es einen deutlichen Ausschlag nach oben gegeben. „Das war 2009, als der Milchpreis so im Keller war“, erinnert sich Rolfes. „Im Vergleich zum Vorjahr haben da fast ein Drittel mehr Anrufer das Bedürfnis gehabt, sich den hohen Druck, der auf ihnen lastete, von der Seele zu reden.“

Telefonberater müssen selbst aus der Landwirtschaft kommen

Ob es generell mehr Frauen als Männer sind, die die Nummer gegen landwirtschaftlichen Kummer wählen? „Nein. Anfangs haben sogar mehr Männer die Chance genutzt, über ihre Probleme auf dem Hof zu reden“, sagt Rolfes. In den letzten Jahren sei das Verhältnis jedoch so gut wie ausgeglichen gewesen.

Dass die Berater ein besonderes Maß an Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit zum Zuhören besitzen, darauf werde bei der landwirtschaftlichen Telefonseelsorge besonderer Wert gelegt, sagt Rolfes. Und nur wer selbst aus der Landwirtschaft komme und wisse, wie es auf einem Hof laufe, dürfe überhaupt die Ausbildung absolvieren. Die elf ehrenamtlichen Mitarbeiter, die bei der Landwirtschaftlichen Telefonseelsorge Oesede arbeiten, wurden dazu vorher auf Herz und Nieren geprüft. Denn eins weiß Rolfes, der selbst im fünfköpfigen Ausschusskomitee sitzt: „Nicht jeder ist für diesen Job geeignet.“ Wer sich als fähig erwiesen hat, wird an fünf Wochenenden von Fachpersonal in Gesprächsführung und systematischer Familientherapie geschult.

Bei der telefonischen Hilfe gehe es darum, den oftmals starren Blick in einer verfahrenen Situation in eine andere Richtung zu lenken, um gemeinsam über Lösungen nachzudenken, sagt Rolfes. Ratschläge geben sei aber tabu. „Die bekommt man sowieso zu Genüge, und helfen tun sie in den wenigsten Fällen.“

Finanziert wird das Landwirtschaftliche Sorgentelefon, das sehr eng mit der Ländlichen Familienberatung Oesede zusammenarbeitet, vom Landwirtschaftsministerium und vom Bistum Osnabrück.

Jennifer Bremer

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