Kriegsgefangen- und Konzentrationslager

Bergen-Belsen: „Wir haben davon gewusst“

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Besucher betrachten Bilder im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Lohheide, die von den britischen Befreiern zur Dokumentation der Verbrechen im Konzentrationslager erstellt wurden.

Hannover - Vor 60 Jahren wurde in Bergen-Belsen die Gedenkstätte an das Kriegsgefangen- und Konzentrationslager eröffnet. Mit der Eröffnung der Gedenkstätte 1952 setzte dann noch keine breite Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit ein. Das heutige Dokumentationszentrum besteht erst seit 2007.

Der Militärarzt Hugh Llewelyn Glyn Hughes ist einer der ersten britischen Soldaten, der das Konzentrationslager Bergen-Belsen am 15. April 1945 erreicht. „Kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes wiedergeben, Leichen zu Stapeln aufgeschichtet, überall verwesende menschliche Körper“, notierte der Offizier erschüttert in seinem Tagebuch. Etwa 70.000 Häftlinge waren in der Heide von den Nazis ermordet worden.

Mehr als sieben Jahre später steht Bergen-Belsen wieder im Blickpunkt. Am 30. November 1952 wird auf dem Areal die erste Gedenkstätte der Bundesrepublik eröffnet. „Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen. Wir haben von den Dingen gewusst“, sagt Bundespräsident Theodor Heuss in seiner Ansprache - und entlarvt damit die vorgeschobene Unwissenheit vom Holocaust als Lebenslüge einer Generation.

Heute, 60 Jahre später, wird der Eröffnung der Gedenkstätte gedacht - unter anderem mit Reden von Ministerpräsident David McAllister, dem britischen Botschafter Simon McDonald und Stefan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Zugleich wird eine Sonderausstellung zum 60. Jahrestag eröffnet.

Die Geschichte des Lagers indes beginnt bereits 1940 mit der Internierung französischer und belgischer Kriegsgefangener. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 werden bis Herbst rund 21000 Kriegsgefangene der Roten Armee in Bergen-Belsen zusammengepfercht. Unterkünfte gibt es nicht; den Winter über müssen sie in Erdhöhlen, Laubhütten oder unter freiem Himmel verbringen. Bis Frühjahr 1942 sterben etwa 14000 von ihnen an Hunger, Kälte und Krankheiten. Weitere 6000 kommen bis 1945 um. Im April 1943 tritt die Wehrmacht einen Teil des Geländes an die SS ab, die dort ein Konzentrationslager für Juden aus ganz Europa einrichtet. Dieses ist als Austauschlager geplant, um mit den jüdischen Häftlingen im Ausland internierte Deutsche freipressen zu können oder die Internierten gegen Rohstoffe eintauschen zu können. Etwa 14700 Häftlinge werden in Bergen-Belsen eingesperrt. Ab Ende 1944 beginnt die furchtbarste Phase: Aus vielen anderen KZs, die vor der Befreiung durch die Alliierten stehen, treffen Häftlingstransporte ein. Im Dezember 1944 sind in Bergen-Belsen fast 15300 Häftlinge interniert, Mitte Januar sind es schon fast 22300, Anfang März rund 41500; und als die Briten eintreffen, befreien sie rund 60000 Menschen. Die dramatische Überfüllung hat katastrophale Folgen: Unterkünfte fehlen, Wasser und Essen gibt es kaum, Seuchen breiten sich aus. Bis April sterben etwa 35000 Häftlinge, nach der Befreiung weitere 14000 an Krankheiten und Entkräftung. Prominentestes Opfer ist im März die erst 15-jährige Anne Frank, deren Tagebuch aus ihrer Zeit in einem Versteck in Amsterdam zum Weltbestseller wird.

Das Lager selbst lassen die Briten niederbrennen, um die Typhus- und Fleckfiebergefahr zu bannen. Auf dem Areal existiert dann noch bis 1951 ein Durchgangslager für „Displaced Persons“; oft Juden, die auf eine Auswanderung nach Palästina warten, aber auch Osteuropäer, die nicht in den sowjetischen Machtbereich zurückkehren wollen.

Die Gedenkstätte wird 60, doch das Gedenken ist älter. Bereits am 16. April 1945 errichten befreite Häftlinge ein einfaches Birkenkreuz. Es wird im November durch ein Holzkreuz ersetzt und mahnt bis heute an die dunkle Zeit.

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