Start im
 Schatten der Haute-Couture-Schauen in Paris

Berliner Fashion Week ganz ohne Neid

+
Foto: Dieses Männermodel präsentiert Teile der neuen Kollektion des Berliner Modelabels Sopopular.

Berlin - Die internationale Presse, die Fachfrauen mit den strengen Blicken von den großen Magazinen, die ganze 
A-Prominenz, sie alle sitzen in diesen Tagen wieder in Paris. Armes Berlin, könnte man meinen. Eine Fashion Week im Schatten französischer Haute-Couture-Schauen zu stemmen. Doch ist dem so?

Blicken wir zunächst an die Ufer der Seine. Da wo gestern Karl Lagerfeld auf seiner Haute-Couture-Show mal wieder alle Register zog und Donatella Versace am Sonntagabend die Pariser Modewoche mit einer ungewöhnlich jungen Kollektion eröffnet hatte. Lagerfeld hatte für seine aktuelle Chanel-Kollektion, wie immer der Höhepunkt der Modewoche, eine Casino-Kulisse nachbauen lassen.

An den Spieltischen: Oscar-Preisträgerin Julianne Moore, ihre Kollegin Kristen Stewart, Geraldine Chaplin sowie Vanessa Paradis mit ihrer 16-jährigen Tochter Lily Rose Depp. Die Kleider der Models, Entwürfe für die nächste Herbstsaison, toppten das außergewöhnliche Ambiente noch mal: Lagerfeld hatte mit einer 3-D-Technik gearbeitet, bei der das Material durch einen Laser in Form gebracht wird. Das Ergebnis sind Kleider und Kostüme mit surreal schimmernden Strukturen, die mit dem Stoff förmlich verschmelzen.

Berlin punktet mit Jugendlichkeit und Experimentierfreude

Armes Berlin, könnte man meinen. Eine Fashion Week im Schatten französischer Haute-Couture-Schauen zu stemmen, die dann auch noch international Beachtung finden soll, ist alles andere als ein Geschenk. Doch Berlin hat sich längst von dem Gedanken verabschiedet, mit neidischem Blick nach Paris, Mailand oder Madrid zu schauen. Zu Recht. Die Hauptstadt generiert ihre Relevanz aus ihrer Jugendlichkeit, der Experimentierfreude, dem rauen Hinterhofcharme.

Während die Grande Dame an der Seine in dieser Woche die hohe Kunst des Schneiderns präsentiert, wummern in Berlin die Bässe durch das Zelt am Brandenburger Tor, wo das Berliner Label Sopopular japanisch inspirierte Avantgardemode für den Mann über den Laufsteg schickt. Understatement statt Glamour. In Berlin scheint – zumindest modetechnisch – fast alles erlaubt. Sogar Herrensocken in Sandalen.

Traditionshäuser schon lange nicht mehr dabei

Die wenigen großen Namen, die ihre Kreationen in Berlin präsentieren werden, lauten Marc Cain und Guido Maria Kretschmer. Traditionshäuser wie Rena Lange oder Boss haben der Berliner Fashion Week längst den Rücken gekehrt und junge Nachwuchstalente, wie das Berliner Label Achtland haben sich in London etabliert. Selbst Vladimir Karaleev, der wie kein anderer für den rauen, unfertigen Berliner Stil steht, zeigt seine Kollektionen nicht mehr am Brandenburger Tor.

Stattdessen ist in diesem Jahr die Streetwear-Messe Bread and Butter wiederauferstanden. Nach langem Hin- und Her sowie einer angemeldeten Insolvenz, will der Onlinehändler Zalando den einst so erfolgreichen Branchentreff in eine Verkaufsshow ummodeln. Nicht ohne Folgen. Die Bread and Butter wäre für Zalando die perfekte Plattform, seine Eigenmarken zu präsentieren. Die Experten des Modeblogs Dandy Diary spotteten bei der Vorstellung: „Wer mehr als drei Marken kennt, hebe bitte die Hand.“

Nora Lysk

8272437

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare