Klage

Bettina Wulff kämpft um ihren Ruf

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Beim Wort Bettina schlägt Google zur Vervollständigung vor: „Bettina Wulff Prostituierte“, „Bettina Wulff Escort“ und „Bettina Wulff Vorleben“.

Hannover - Am Ende war es Bettina Wulff selbst, die den Andeutungen die offiziellen Weihen gab. Sie war es offenbar leid, das Getuschel und Geraune, das längst allgegenwärtig geworden war. Im politischen Betrieb und in der Journalistenszene.

Aber auch an den Stammtischen von Hannover bis Berlin und in der Nachbarschaft in Großburgwedel. Und natürlich im Internet, der ultimativen Gerüchteküche. Dort kann jeder alles veröffentlichen, und jeder alles suchen. Man findet dort auf obskuren Internetseiten wie „rentner-news.de“ Berichte über Bettina Wulffs angebliche Vergangenheit als Prostituierte. Den Rest erledigen Googles gnadenlose Algorithmen. Sie kennen weder das Presserecht, noch unterscheiden sie zwischen Bericht und Tatsachen. Sie spiegeln nur wider, was die Menschen im Internet suchen. Und Bettina Wulff und ihr Umfeld haben sehr genau wahrgenommen, was die Menschen seit vielen Monaten interessiert. Hierfür braucht sie nur ihren Vornamen in die Suchmaske einzugeben. Beim Wort Bettina schlägt Google zur Vervollständigung vor: „Bettina Wulff Prostituierte“, „Bettina Wulff Escort“ und „Bettina Wulff Vorleben“.

Damit soll nun Schluss sein. Die Großburgwedelerin Wulff, 38 Jahre alt und seit etwas mehr als einem halben Jahr ehemalige Bundespräsidentenfrau, hat bei Gericht eine eidesstattliche Erklärung abgegeben: Darin versichert sie, alle Behauptungen über ihr angebliches Vorleben im Rotlichtmilieu als Prostituierte oder als sogenannte Escort-Dame seien falsch. So berichtete es am Sonnabend die „Süddeutsche Zeitung“. Es ist ein einmaliger Vorgang für eine ehemalige First Lady. Gleichzeitig wehrt sie sich schon seit Monaten juristisch gegen entsprechende Berichte im Internet, im Fernsehen und in der Presse. Gegen mehr als 30 Internetportale und Redaktionen wurden nach Angaben ihres Anwalts Gernot Lehr bereits Unterlassungserklärungen gefordert. Einige mussten Schadenersatz zahlen. Gegen Googles rufschädigende Autovervollständigung hat Bettina Wulff ebenfalls Klage eingereicht.

Die Gerüchte um ihr angeblich so unstetes Vorleben begleiteten den Aufstieg der Großburgwedelerin schon seit Jahren. Nach der mithilfe von „Bild“ und den PR-Profis der Staatskanzlei perfekt inszenierten Trennung Christian Wulffs von seiner ersten Frau Christiane gab es viele, auch in der niedersächsischen Landespolitik, die das Bild vom frisch verliebten Paar für unvollständig hielten. Bald munkelte man über angeblich ausschweifende Partys der neuen Frau, bald über eine angebliche frühere Beschäftigung im Rotlichtmilieu oder als Escort-Dame. Namen von Etablissements, etwa bei Hannover, in Osnabrück und Berlin kursierten, in denen Bettina Wulff früher gearbeitet haben sollte. Als Wulff 2010 als Bundespräsident auf die Berliner Bühne wechselte und bald wegen eines Hauskredits in einen Kampf mit den Medien eintrat, folgte auch der Tratsch nach Berlin.

Nur: Niemand hatte einen auch noch so kleinen Beweis für die Behauptungen. Recherchen von „Bild“ und anderen in diese Richtung blieben ergebnislos. Nicht einmal eine Quelle konnte ausgemacht werden. Die Berliner Hauptstadtjournalisten und Politiker hatten es in Hannover gehört, später sahen sich manche in Hannover bestätigt, weil das Gerücht ja nun sogar in der Hauptstadt die Runde machte. Die meisten Medien berichteten folgerichtig nicht über die angebliche Affäre hinter der Affäre. Einzig ein paar obskure Internetportale, die „rentner-news.de“ oder „derhonigmannsagt.wordpress.com“ heißen, versprachen in Überschriften „die nackte Wahrheit“ über Bettina Wulff, ergingen sich dann aber in Fragezeichen und ebenso schlechten wie geschmacklosen Fotomontagen.

Die Wulffs haben die Gerüchte lange Zeit zähneknirschend ignoriert. Nur einmal, in einem Interview im Januar in ARD und ZDF, beschwerte sich Christian Wulff über das, „was da über meine Frau alles verbreitet wird an Phantasien“ im Internet. Er beließ es bei der Andeutung. Das Paar fürchtete den sogenannten „Streisand-Effekt“, benannt nach der US-Sängerin Barbra Streisand, die mit einer Klage ein unliebsames Foto ihres Hauses verhindern wollte. Durch die juristische Auseinandersetzung wurde das Foto erst weltweit bekannt.

Nun, da die Amtszeit ihres Mannes seit sieben Monaten frühzeitig beendet ist, scheint Bettina Wulff fest entschlossen, den Kampf um die Deutungshoheit über ihr Leben aufzunehmen. So hat sie auch gegen Günther Jauch Klage eingereicht, weil der in seiner ARD-Talkshow am 18.  Dezember aus der „Berliner Zeitung“ zitierte, in der stand, dass die „Bild“-Zeitung „mit einer Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs aufwarten“ könnte. Jauch hatte in seiner Talkshow den „Bild“-Vizechef Nikolaus Blome gefragt, ob der Bericht stimme. Der antwortete spontan: „Das ist kompletter Quatsch.“ Für Wulff-Anwalt Lehr war es Jauch mit seiner Nachfrage, der die Gerüchte vor einem Millionenpublikum erst salonfähig gemacht habe. Jauch hat eine Unterlassungserklärung abgegeben – auch wenn er das nicht als Schuldeingeständnis gewertet wissen will.

Der Showmaster war nicht der Einzige, der über das Gerücht öffentlich diskutierte. Ebenfalls am 18. Dezember hatte etwa auch „Welt am Sonntag“ über „diese Gerüchte und Geschichten über das wilde Vorleben“ der neuen Frau von Wulff berichtet. Dort erfuhr der Leser, dass sie „schon als Schülerin zu Partys nach Sylt gefahren“ sein soll. „Und weißte nicht und haste nicht gehört. Tsstssstsss. Gerede, Gerede, Gerede.“ Der gleiche Autor schrieb übrigens gestern über die „dumpfen Gerüchte“ , die sich wie ein „fieses, nicht mehr zu stoppendes Krebsgeschwür“ ausgebreitet hätten. Auch das gehört zu den weniger appetitlichen Mechanismen der Gerüchteküche.

Mit der nun gestarteten Gegenoffensive will die PR-Expertin Wulff, die soeben eine eigene Agentur aufgemacht hat, allen Gerüchten wirksam entgegentreten. Dazu gehören die Klagen vor Gericht. Dazu gehört aber vor allem auch ihr Buch, das nun noch im September auf den Markt kommen soll. Das Interesse ist, nicht zuletzt durch den neuen Wirbel, riesig. Die Startauflage soll sechsstellig sein. Sie wird darin auch ihr Leben vor Christian Wulff ausbreiten. Es wird von ihrer Jugend in Großburgwedel handeln, vielleicht vom Basketballverein und dem Schulwechsel an die Leibnizschule Hannover, wo sie 1993 Abitur machte. Vielleicht wird sie von ihrem Medienmanagement-Studium am Institut für Kommunikationsforschung in Hannover erzählen. Und von ihrem Weg von der Pressereferentin bei der Continental AG zur First Lady. Spektakuläre Enthüllungen sind nicht zu erwarten. Das Entscheidende für die PR-Fachfrau Wulff wird eher sein: An dieser Erzählung kommen künftige Gerüchteköche nicht vorbei. Denn es ist ihre eigene.

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