Hildesheim als Vorreiter?

Bistum reicht Geschiedenen die Hand

+
Foto: Während deutsche Bischöfe und der Vatikan um einen liberaleren Kurs beim Streitthema geschiedener und neu verheirateter Katholiken ringen, ist dieser im Bistum Hildesheim seit 25 Jahren Praxis.

Hildesheim - Um den großen Schritt der katholischen Kirche zu einem moderneren Umgang mit Ehescheidung und erneuter Heirat wird noch gerungen. Dabei wird im Bistum Hildesheim ein pragmatischer Kurs bereits seit 25 Jahren praktiziert. Kann er als heimliches Vorbild dienen?

Während deutsche Bischöfe und der Vatikan um einen liberaleren Kurs beim Streitthema geschiedener und neu verheirateter Katholiken ringen, ist dieser im Bistum Hildesheim seit 25 Jahren Praxis. Ohne viel Aufhebens und trotz anfänglicher Kritik aus Rom hat das norddeutsche Bistum an seinem den Menschen zugewandten Kurs festgehalten. Über eine deutschlandweite Umsetzung wird dagegen noch diskutiert. Auch wenn es um die Rolle der Frau in der Kirche, die Einbindung von Laien oder die Ökumene geht, gibt sich das mitten im protestantischen Kernland liegende Bistum pragmatisch und scheut moderne Schritte nicht.

Scheidung, ein wunder Punkt

Seit Jahrzehnten ist es für Katholiken ein wunder Punkt: Sie fühlen sich von ihrer Kirche als Sünder abgestempelt, wenn sie nach einer Scheidung erneut heiraten. Sakramente wie der Gang zum Abendmahl sowie kirchliche Ämter sind ihnen verwehrt. Offiziell zeigte sich die Kirche in der Frage kategorisch.

Erst nachdem die Diözese Freiburg im Oktober eine Handreichung für einen liberaleren Umgang vorlegte, kam auf Bistumsebene wieder Schwung in die Debatte. Anfang der neunziger Jahre hatten die Bistümer Freiburg, Mainz und Rottenburg-Stuttgart schon einmal einen ähnlichen Vorstoß gewagt, waren nach Kritik vom Vatikan aber eingeknickt. Nicht so Hildesheim.

"Ich glaube, dass unsere Diaspora-Situation dazu geführt hat, dass das nicht so wahrgenommen wurde", sagt Domkapitular Adolf Pohner zu dem Sonderweg. "So etwas Neues ist das überhaupt nicht." Bereits in den achtziger Jahren wollte der inzwischen gestorbene Bischof Josef Hohmeyer genau das von den Gläubigen wissen, was jetzt auch der Vatikan von den Bistümern in Sachen Ehe und Familie erfahren will. "Es ging darum, die Wirklichkeit wahrzunehmen." Statt verstaubte Kirchenmoral über die Köpfe der Leute hinweg zu predigen, ging Hohmeyer auf Sorgen und Nöte geschiedener Katholiken ein.

Gewissensentscheidung

Die Hildesheimer Regelung beinhaltet ähnlich wie nun der Freiburger Vorstoß ein Gespräch eines Geistlichen mit dem Gläubigen. Der legt daraufhin in einer Gewissensentscheidung fest, ob er sich weiter als Teil der kirchlichen Gemeinschaft sieht.

"Es gab auch Menschen, die nach dem Gespräch sagten: Der Schatten des Scheiterns lastet auf mir, ich werde bewusst nicht zur Kommunion gehen", sagt der Domkapitular. Andere hätten für sich entschieden: "Ich möchte jetzt mit Gottes Segen meine zweite Ehe leben und mir über die Kommunion eine Stärkung holen." Für viele war die in drei Hirtenbriefen 1987, 1988, 1990 beschriebene seelsorgerische Barmherzigkeit eine Erleichterung. "Im Bistum gab es eine große Verbesserung des Verhältnisses zu den Gläubigen", sagt Pohner. "Das hat sehr viel Aufmerksamkeit hervorgerufen, wie da ein Bischof spricht."

Auch Hohmeyers Nachfolger, der jetzige Bischof Norbert Trelle, der zugleich stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, hat eine Antenne für nötige Schritte hin zu einer moderneren Kirche. Im vergangenen Jahr kündigte er an, dass er die Zahl der Frauen in Führungspositionen bis zum Jahr 2020 deutlich erhöhen will. Bei den Beschäftigten wird sogar ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen angestrebt. Zugleich war eine Gleichstellungsbeauftragte berufen und erstmals eine Frau in den Bischöflichen Rat aufgenommen worden.

Auch Ökumene ist ein Thema

Einen gemeinsamen Blick nach vorne gibt es auch bei der Ökumene: Mit der evangelischen Landeskirche organisierte das Bistum vor einigen Monaten einen gemeinsamen Zukunftskongress. Und beim bundesweit noch strittigen Thema des Reformationsjubiläums gibt es mit den Protestanten bereits Einigkeit über ein gemeinsames Gedenken.

Die kürzlich eingetroffenen Fragen des Vatikans an die Bistümer zum Thema Familie, die einer Grundsatzkonferenz im kommenden Jahr dienen sollen, nutzte das Bistum Hildesheim prompt zu einer eigenen Online-Befragung seiner Mitglieder. Nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt ist ein Quantensprung: Was die Gläubigen in Fragen von Ehe, Sex oder auch Homosexualität denken, interessiert das Bistum brennend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare