Kriminalität

Blutiger Bandenkrieg in Marseille

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Foto: Bandenkriege in der französischen Hafenstadt Marseille: Die Politik scheint machtlos.

Paris - Die französische Hafenstadt Marseille wird ihren Ruf als Gangstermetropole nicht los. Polizei und Politik scheinen im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel hilflos. Nach einer Mordserie unter Bandenmitgliedern werden Forderungen nach einem Militäreinsatz laut.

Hinrichtungen auf offener Straße, verbrannte Leichen und schweigende Zeugen: Ausgerechnet in der künftigen europäischen Kulturhauptstadt Marseille eskaliert ein Konflikt zwischen Drogenbanden. Ein halbes Jahr vor der Übernahme des prestigeträchtigen Titels liefern sich in der südfranzösischen Hafenmetropole Kriminelle mit Kriegswaffen brutale Revierkämpfe. Seit Jahresbeginn starben 14 Menschen, die nähere Umgebung miteingerechnet sind sogar 19 Tote zu beklagen.

Die Öffentlichkeit ist entsetzt. „In dieser Stadt beschränkt sich die Rolle der Polizei darauf, die Erschossenen auf den Straßen zu zählen“, kommentierte am Sonntag bitterböse die elsässische Zeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“. Kurz zuvor hatte es das bislang letzte Opfer gegeben. Unbekannte erschossen kaltblütig einen 25-Jährigen mit einer Kalaschnikow. Der als Dealer bekannte Mann war mit seiner Freundin im Auto unterwegs. Eine rote Ampel wurde ihm zum Verhängnis.

Polizei und Politik scheinen machtlos. Verzweifelt forderte eine Bezirksbürgermeisterin jüngst sogar eine Militärintervention. Wegen des Einsatzes von Kriegswaffen könne nur die Armee angemessen eingreifen, sagte die 44-jährige Samia Ghali.

Die Regierung unter Präsident François Hollande will davon bislang nichts wissen. An diesem Donnerstagabend soll es nun ein Krisentreffen zur Lage in der Mittelmeer-Metropole geben. Marseilles Bürgermeister Jean-Claude Gaudin hofft auf bis zu 300 zusätzliche Polizeikräfte.

Dass sich die Probleme allein mit mehr Sicherheitskräften lösen lassen, glaubt allerdings kaum jemand. In vielen Stadtteilen gibt es zweistellige Arbeitslosenquoten und kaum Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Besonders für Jugendliche aus unteren Schichten und Einwandererfamilien ist die Versuchung groß, ins lukrative Drogengeschäft mit Cannabis oder Kokain einzusteigen.

Hinzu kommt die leichte Verfügbarkeit von Waffen. Ein Kalaschnikow gibt es nach Angaben aus Polizeikreisen schon für ein paar Hundert Euro. „Ein tödlicher Cocktail“, zitierte die Tageszeitung „Le Figaro“ jüngst einen Ermittler.

Für die zweitgrößte Stadt Frankreichs kommen die negativen Schlagzeilen zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Im Januar werden Marseille und die Provence europäische Kulturhauptstadt, die Region löst damit Guimarães in Portugal und Maribor in Slowenien ab. Statt über Bandenkriege, Rachefeldzüge und blutige Abrechnungen soll über spannende Museums- und Theaterprojekte geredet werden.

Es wäre ein ganz anderes Image für die Stadt. Marseille hat als Ganovensitz fast so einen Ruf wie Neapel. Er wurde von Banden wie der „French Connection“, aber auch von Gangsterfilmen wie „Borsalino“ mit Jean-Paul Belmondo und Alain Delon geprägt. Zuletzt gab es Gangsterbosse wie den im Jahr 2000 ermordeten Francis Vanverberghe („Der Belgier“) oder Farid Berrhama.

Letzterer brachte seine Rivalen im Kampf um Geld und Macht in der Unterwelt nicht nur um, er steckte anschließend auch ihre Autos an und ließ ihre Leichen darin verkohlen. „Der Röster“ wurde er deswegen in Marseille genannt. 2006 bezahlte er seine Verbrecherkarriere selbst mit dem Tod. Er wurde in einer Brasserie erschossen, als er mit Freunden ein Fußballspiel im Fernsehen anschaute.

dpa

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