Landrat in Hameln erschossen

War die Bluttat von Hameln kaltblütig geplant?

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Bei einem Attentat im Kreishaus Hameln ist am Freitag der Landrat Rüdiger Butte (SPD) erschossen worden.

Hameln - Kalt geplant? Der vorbestrafte Hans B. liegt im Streit mit dem Landkreis Hameln-Pyrmont– und erschießt den Verwaltungschef Rüdiger Butte mit einem Revolver beim Bürgergespräch.

Er muss Streit gemocht haben. Wenn es etwas gibt, das sich über Hans B. mit einiger Sicherheit sagen lässt, dann ist es dies: Dass er keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging, dass er sie offenbar sogar gesucht hat, in jeder Form, verbal, auch physisch. Hans B. ist oft mit der Welt aneinandergeraten. Das konnte man wissen. Man hat es auch gewusst.

Hans B. aus Bad Münder war erst 27 Jahre alt, als er zum ersten Mal wegen Körperverletzung verurteilt wurde. Das war 1966. So steht es in der Polizeiakte des Mannes, der am Freitag, mit 74, offenbar den Hamelner Landrat Rüdiger Butte erschossen hat. Von damals bis zu diesem Tag zieht sich eine Spur durch sein Leben, die von vielen Konflikten erzählt. Betrügereien, Körperverletzung, alles das kam bei ihm immer wieder vor, ist aktenkundig.

Selten war es wirklich gravierend, im Gefängnis war er offenbar nie. Aber friedliche Phasen waren in seinem Leben anscheinend auch selten. 1988 haben ihm die Behörden untersagt, Waffen zu besitzen. Was er aber offenkundig ignoriert hat. 2009 beantragt er einen Jagdschein, der ihm jedoch versagt bleibt – stattdessen wird er wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt. Auch privat verlief sein Leben anscheinend nicht unbedingt harmonisch: Hans B. war geschieden und lebte in Bad Münder allein.

In den vergangenen Wochen hatte es offenbar mal wieder Streit gegeben, diesmal mit dem Landkreis. Sie haben sich geschrieben, der Kreis und Hans B., wohl Unfreundliches. Dass es diesmal um einen Grundstückszaun ging, konnte oder wollte die Polizei am Freitag nicht bestätigen. Hans B. besaß ein Grundstück in einem Landschaftsschutzgebiet, auf dem er Schafe hielt. Einen Zaun hat er dort errichtet, der den Behörden aber zu hoch war. Da sich Hans B. weigerte, ihn zu kappen, ließen die Behörden alles abreißen. Hans B. soll verbittert gewesen sein. Aber bis zum gestrigen Morgen führte er diesen Streit jedenfalls nur mit Worten.

Der Attentäter wartet geduldig auf seinen Termin

Was genau Hans B. so erzürnt hat, dass er am Freitagmorgen einen geladenen Revolver der Marke Smith & Wesson einsteckte und von Bad Münder zum Kreishaus nach Hameln fuhr, das ist nicht sicher. Sicher ist nur, was dann geschah.

Um kurz vor zehn kommt Hans B. in das Vorzimmer von Buttes Büro im zweiten Stock des Kreishauses. Zwei Tage lang hatte er versucht, Rüdiger Butte telefonisch zu erreichen, zuletzt an diesem Morgen. Daher weiß Hans B., dass Butte im Haus ist. Als brummelig und wortkarg erlebt Buttes Sekretärin den unangemeldeten Besucher, aber nicht als auffallend unfreundlich oder gar aggressiv. B. setzt sich in den Wartebereich. Ruhig und geduldig. Butte hat noch einen Termin, aber auf dem Weg dahin kommt er an B. vorbei und bietet ihm ein Gespräch an, eine halbe Stunde möge er sich noch gedulden. Ob Hans B. und Butte sich kannten, auch das kann die Polizei am Freitagnachmittag noch nicht sagen. Vielleicht hat Butte aber auch nur so reagiert, wie er meist auf die Gesprächswünsche von Menschen reagiert hat: Er hat sie ernst genommen, er wollte zuhören. „Sein offenes Ohr“, sagt am Nachmittag der stellvertretende Landrat Carsten Vetter, „ist ihm heute zum Verhängnis geworden“.

Als Butte zurückkommt, bittet er B. in sein Büro. Dort kommt es zu einem Kampf. Dann fallen Schüsse. Buttes Sekretärin flüchtet aus ihrem Büro, läuft hinüber in das Zimmer von Sandra Lummitsch, der Pressesprecherin des Kreises. „Es ist etwas Schreckliches passiert, du musst die Polizei rufen“, ruft sie ihr zu. Obwohl sie das eigentlich gar nicht mehr sagen muss. Die 41-jährige Lummitsch weiß auch so, dass etwas Fürchterliches geschehen ist, sie liest es im entsetzten Antlitz ihrer Kollegin. „Dieses Gesicht werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, erinnert sie sich später.

Als die Polizei und der Notarzt einige Minuten später gleichzeitig eintreffen, finden sie zwei Leichen. Die von Butte, und die von Hans B. Der 74-Jährige, so rekonstruieren es die Ermittler später, hat erst Butte und dann sich selbst erschossen.

Lummitsch und ihre Kollegin sitzen in diesem Moment noch hinter der Tür ihres Büros, die sie sofort abgeschlossen haben. Sie wissen ja noch nicht, dass der Täter sich auch selbst erschossen hat und es keine weiteren Täter gibt. Buttes Stellvertreter hat eine Rundmail an alle Mitarbeiter geschickt, in ihren Büros zu bleiben. Es sind Minuten der Angst und des Schreckens. Rund 400 Mitarbeiter arbeiten in dem Gebäude, einem modernen Bau mit viel Glas. Das Haus strahlt Offenheit aus, man kann von draußen in die Büros sehen. Erst als sie die Stimmen und Schritte von immer mehr Polizisten vernimmt, traut sich Lummitsch, die Tür zu öffnen.

In diesem Moment beginnt die Welle des Entsetzens ganz langsam, sich vom Kreishaus auszubreiten und die ganze Stadt zu erfassen. Die ersten, die sie trifft, sind Passanten, die zufällig am Kreishaus vorbeikommen. „Ein Polizeiwagen hielt an, und der Polizist, der ausstieg, zog sich eine schusssichere Weste über“, so wird es später eine Frau schildern, die in der Nähe wohnt. „Da habe ich schon geahnt, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Als sie kurz darauf weitere Sirenen hört und immer mehr Polizeiwagen kommen, wird aus der Ahnung Gewissheit.„Absolut fassungslos, wie unter Schock“, so beschreibt Lummitsch jetzt die Stimmung der Mitarbeiter, die nun wortlos, mit ernsten, blassen Gesichtern aus dem Gebäude gehen. Einige von ihnen nehmen das Angebot der Notfallseelsorger an, sich psychologisch betreuen zu lassen – ebenso wie die Beamten, die Butte und seinen mutmaßlichen Mörder gefunden haben.

Draußen vor dem Kreishaus bleiben nun immer mehr Menschen stehen, angelockt durch die vielen Polizeiwagen, mehr als 100 Beamte sind im Einsatz. Die Nachricht hat sich zudem sofort in der Stadt herumgesprochen. Zufällige Passanten sind darunter, Neugierige, aber auch Menschen, die das Opfer kannten. Günter Rupprecht ist Maurer im Ruhestand, als Fahrer für Behinderte verdient er sich jetzt noch etwas dazu, er trägt noch sein dunkelblaues Busfahrerpolohemd. Butte kennt er aus seinem SPD-Ortsverein, er hat mit ihm vor drei Wochen zuletzt zusammengesessen. „Der war so ...“, Rupprecht sucht nach Worten, „normal“, sagt er dann, und meint, dass er das Gefühl hatte, mit Butte eben wie von Mensch zu Mensch, nicht wie von Maurer zu Landrat zu reden.

Am Abend ist Hameln eine sehr stille Stadt

Auch am Nachmittag, als die Polizei zu einer Pressekonferenz in ihr Gebäude in der Zentralstraße bittet, geht es viel um Betroffenheit. Butte, der früher Chef des Landeskriminalamts in Hannover war, hatte offenbar auch unter jenen viele Freunde, die sonst qua Amt nicht automatisch seine Freunde sein müssten, sondern vielleicht eher Konkurrenten. Carsten Vetter zum Beispiel, sein jüngerer Stellvertreter, dem das Reden erkennbar schwer fällt. „Er war für alle da“, sagt Vetter.

Wahrscheinlich ist das das besonders Tragische an dieser Tat: Dass sie jemanden traf, der versucht hat, sich nicht abzuschotten – und dass sie ihn nur deshalb überhaupt treffen konnte. Vielleicht hat Butte sich auch zugetraut, mit potenziell gefährlichen Situationen fertig werden zu können. Schließlich ist er als ehemaliger LKA-Mann durch ein hartes Einsatztraining gegangen.

Die Fakten, die die Polizei präsentieren kann, sind eher dürr. Es gab keinen Abschiedsbrief von Hans B. Wie viele Waffen Hans B. möglicherweise noch hortete und ob er die Tat tatsächlich so kalt geplant hat, wie es jetzt ausschaut, alles das müssen die Polizisten noch ermitteln. Menschen in Nienstedt, einem Ortsteil von Bad Münder, dort wo Hans B. seit seiner Kindheit lebte, beschreiben ihn als Sonderling. Dort war er Mitglied im Schützenverein – in den vergangenen Jahren nur passiv – und bei den Treckerfreunden. Nach zu viel Alkohol sei er geschwätzig, aber auch aggressiv geworden, erzählen Einheimische in der „Deisterquelle“, dem Gasthaus des Ortes.

Was bleibt, sind Trauer und Fassungslosigkeit. Trauer, die sich am Abend auch im Hamelner Münster zeigt, bei einer Andacht, zu der die Gemeinde spontan in ihre Kirche an der Weser geladen hat. Mehrere Hundert Bürger, auch Ministerpräsident Stephan Weil, kommen hierhin, zünden Kerzen an, beten. „Angesichts der Grausamkeit und angesichts des Todes sind wir sprachlos“, sagt Pastorin Friederike Grote. Es ist sehr still in der Kirche. Es ist an diesem Abend sehr still in der Stadt.

Die Ereignisse des Tages...

... und die Geschehnisse nach der Tat in Hameln können Sie in einer Chronologie auf HAZ.de nachlesen.

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