Luxuriöser Familienbunker

Bombensicher unter Palmen

Las Vegas - Weltuntergang mit Komfort: In Las Vegas steht ein Familienbunker in Form einer unterirdischen Luxusvilla zum Verkauf – inklusive Sauna, Tanzfläche, ebenfalls unterirdischer Gartenanlage samt Springbrunnen, Swimmingpool und Barbecue.

I’d like to be under the sea. In an octopus’ garden in the shade“, heißt es in dem berühmten Beatles-Song. Eine in Architektur übersetzte Version des Octopus Garden steht nun in Las Vegas für 1,7 Millionen Dollar zum Verkauf. Die ausgedehnte unterirdische Villa könnte einem James-Bond-Film entsprungen sein. Interessenten stoßen statt auf einen Keller mit Regalen und Spinnweben auf ein Luxusanwesen mit zwei Schlafzimmern, drei Badezimmern, Sauna, Tanzfläche und ebenfalls unterirdischer Gartenanlage samt Springbrunnen, Swimmingpool und Barbecue. Sogar ein Gästebungalow findet unter der Erde noch Platz.

„Ein gesamtes Haus unter der Erde mag nicht unbedingt verlockend klingen“, heißt es in der Annonce, aber es sei alles „bestens erleuchtet“. Das Licht in der 1978 erbauten Underground-Villa simuliert unterschiedliche Tageszeiten. Nachts leuchten am Betonhimmel sogar die Sterne. Der XXL-Familienbunker – genau darum handelt es sich – ist wohl einer der skurrilsten Auswüchse der Angst der Amerikaner vor einem Dritten Weltkrieg. Der Bauherr, der 1983 verstorbene Milliardär, Unternehmer und Philanthrop Girard B. Henderson, mag sich gesagt haben: Wenn schon Weltuntergang, dann mit Stil und Komfort!

Der Kosmetikunternehmer besaß gleich zwei unterirdische Villen und verbrachte mit seiner Ehefrau mehrere Jahre in den Anlagen. Seine Edelhöhle in Las Vegas – Baukosten rund 10 Millionen Dollar – ließ er mit gemalten Szenerien heimelig gestalten. Bühnenbildartige Darstellungen zeigen nicht nur idyllische Wiesen samt Hühnern und Kühen, sondern in der Ferne sogar ein paar Nachbarn. Die Küche ist in pink und weiß gehalten. Barbie-Pink ist auch die Toilette im mit rosa Plüschteppich ausgelegten Luxusbadezimmer. Im Vorgarten liegt Plastikrasen und zwischen gepflasterten Wegen stößt man auf Bäume, die allerdings nach zwei, drei Astreihen jählings in die Zimmerdecke münden.

Wer oberhalb der Erde von der Flamingo Road in die Spencer Street einbiegt und hinter drei Palmen ein ortstypisches, zweistöckiges Familienhaus mit terracottafarbenen Dachziegeln erblickt, würde darunter gewiss kein unterirdisches Disneyland vermuten. Im staubtrockenen Garten kaschieren Felsbrocken das komplizierte Belüftungssystem, das die Villa beatmet. Ein unterirdischer Tunnel, der ursprünglich das Haus mit dem nahegelegenen Arbeitsplatz des Erbauers verband, existiert nicht mehr.

Hendersons Architekt, Jay Swayze, war spezialisiert auf sogenannte „Atomitate“. Er ist auch Autor des Buches „Undergrorund gardens & homes“. In der Hochphase des Kalten Krieges gab es in den USA rund 200 000 Luftschutzbunker. 70 Prozent der Amerikaner hielten damals einen Atomkrieg für nahe bevorstehend. Weil die US-Regierung über keine genügende Zahl an Schutzkellern verfügte, bewarb und unterstützte sie den privaten Bunkerbau. Die Sorge um den Fallout entwickelte sich in den USA zu einem großen Geschäft. Neben Fertigteilbunkern wurden bunkertaugliche Transistorradios angepriesen und „Multi-Purpose-Food“. „You can survive Atomic Fallout“, hieß es in Werbeanzeigen. 1959 verbrachte auf Betreiben eines Bunkerherstellers und eines Lokalradiosenders sogar ein Paar die Flitterwochen mit Konservendosen in einem nur elf Quadratmeter großen Kellerverlies.

Mit den standardisierten Familienbunkern hatte der amerikanische Traum auch eine unterirdische Facette. Allerdings war fraglich, wie krisentauglich die Survival Architecture tatsächlich war. Hendersons Underground-Home in Las Vegas ist als atombomben- und erdbebensichere Anlage errichtet worden. Für den Verkauf der skurrilen Zeitkapsel aus den Siebzigern ist Winston King zuständig. Der Makler aus Las Vegas lacht durchs Telefon und sagt: „Oh, ja, es gibt viele Interessenten. Es ist ein hübsches, großes Haus, sehr hell und äußerst geräumig.“ Ein potenzieller Käufer aus Hawaii überlege, daraus eine Touristenattraktion zu machen. Die Mehrzahl der Interessenten aber seien „ganz normale Leute auf der Suche nach Wohnraum“. „Survivalists“, also Überlebensstrategen, hätten sich bislang noch keine gemeldet.

Von Johanna di Blasi

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