Wenn das Land erbt

Ein Bordell für Niedersachsen

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Foto: Wenn das Land erbt, gibt es meist zwei Gründe: Entweder fehlt ein rechtmäßiger Erbe, da der Tote keine Verwandten mehr hatte und niemand in seinem Testament bedacht wurde. Oder die Angehörigen haben das Erbe aus Angst vor einem überschuldeten Nachlass abgelehnt.

Hannover - Lässt sich nach einem Todesfall kein Erbe finden, geht der gesamte Nachlass an den Fiskus. In Niedersachsen steigt die Zahl der Staatserbschaften seit Jahren stetig an. Am Ende kommt vieles unter den Hammer: Schmuck, Yachten oder auch mal ein Bordell.

Was hat Martin Viets nicht alles schon für Erbfälle gehabt: Ein Pferd war dabei, ein Kaffeehaus, selbst ein Bordell. Derzeit beschäftigt ihn eine Yacht in Griechenland - „ein riesen Kasten, alt, aber gut ausgestattet.“ Viets erbt weltweit, von Göttingen bis Gran Canaria. Doch nicht für sich, sondern für das Land Niedersachsen.

Er steht am Ende einer Kette juristischer Entscheidungen: Viets sichtet den Nachlass von Verstorbenen nach verwertbaren Gegenständen, klärt Formalitäten und leitet schließlich den Verkauf ein. Häufig handelt es sich um Schmuck und Gold, Immobilien oder Fahrzeuge. Seltener um Pferde oder ganze Fitnessstudios.

Viets ist zusammen mit drei weiteren Mitarbeitern bei der Oberfinanzdirektion in Hannover zuständig für die Erbfälle, die im Raum der Landeshauptstadt an den Fiskus fließen. Sechs Kollegen sitzen zusätzlich über das Land verteilt in Oldenburg, Lüneburg und Braunschweig.

Wenn das Land erbt, gibt es hierfür meist zwei Gründe: Entweder fehlt ein rechtmäßiger Erbe, da der Tote keine Verwandten mehr hatte und niemand in seinem Testament bedacht wurde. Oder die Angehörigen haben das Erbe aus Angst vor einem überschuldeten Nachlass abgelehnt.

Ohne Besitzer können die Hinterlassenschaften jedoch nicht bleiben. „Es ist gesetzlich festgelegt, dass jeder Nachlass einen Erben haben muss“, sagt Holger Holl. Der Referatsleiter der Landesbehörde ist seit Jahren für die Staatserbschaften in Niedersachsen zuständig und beobachtet, wie die Zahl der Fälle immer weiter steigt. Waren es 2005 knapp über 150 Fälle, hat sich in den folgenden Jahren die Zahl vervielfacht. 2008 waren es schon mehr als 480 Fiskuserbschaften, und im vergangenen Jahr fielen über 1350 Nachlässe dem Land Niedersachsen zu.

Erbschaften des Landes

Können im Todesfall keine Erben ermittelt werden oder schlagen diese den Nachlass aus, springt das jeweilige Bundesland ein. Diese im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelte Staatserbschaft kann vom Land nicht ausgeschlagen werden.

Neben diesen Fällen gibt es noch testamentarische Erbschaften, die zugunsten des Landes sind. Meist sind sie mit Auflagen versehen, durch die das Geld an einen bestimmten Zweck gebunden ist. In Niedersachsen läuft die Abwicklung der Erbfälle des Landes über die Oberfinanzdirektion. Landesweit sind zehn Mitarbeiter für die Staatserbschaften zuständig.

Eine Folge des demografischen Wandels? Möglich. Holl nennt zwei weitere Ursachen: „Es sterben mehr ältere Menschen überschuldet, und Angehörige schlagen immer öfter das Erbe aus.“ In einigen wenigen Fällen vermacht der Verstorbene Teile seines Besitzes auch direkt dem Land - meist als Geldspende für bestimmte Einrichtungen. Doch diese Fälle liegen im einstelligen Bereich.

Die Tresorräume der Behörde sind deshalb zurzeit prall gefüllt. „Schmuck, Fernseher, sogar tausende Patientenakten eines verstorbenen Arztes lagern gerade bei uns“, berichtet Viets. Die meisten Gegenstände warten darauf, unter den Hammer zu kommen. Über die Auktionsplattform des Bundes „www.zoll-auktion.de“ werden sie am Ende versteigert, der Erlös kommt dem Land zugute - sollte es keine Gläubiger mehr geben.

In den vergangenen fünf Jahren schwankten die Einnahmen durch Fiskuserbschaften zwischen einer und fünf Millionen Euro. „Die Abwicklung von Staatserbschaften ist aber eine gesetzliche Aufgabe des Landes und dient nicht der Aufbesserung des Haushalts“, erklärt Referatsleiter Holl. Dazu sind die Einnahmen auch relativ zu betrachten: Schließlich kommen Verwaltungs- und Gutachterkosten hinzu. Außerdem haben Angehörige eine Frist von bis zu 30 Jahren, um doch noch das Erbe antreten zu können. So kann es passieren, dass in einem Jahr das Land ein schon veräußertes Erbe komplett auszahlen muss - und somit Verlust macht.

dpa/mhu

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