Bildung in Sambia

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Foto: Klassenzimmer unter freiem Himmel: In Sintemba in Sambia lernen die Kinder mithilfe eines Radios und freiwilligen Helfern. Unterstützt wird das Projekt von der Kindernothilfe.

Sintemba - Ein Baum, eine Tafel und ein blaues Radio im Gras: In manchen Dörfern Sambias ist das durch das Engagement der Jesuiten und der Kindernothilfe die Schule – und eine wichtige Chance auf Bildung. Eine Radiostunde.

Sie sieht zu viel in ihrem Dorf, in den Dörfern drum herum. Sie sieht, wie die Frauen schuften. Tag für Tag. Kilometerweit laufen, um Wasser zu holen. Kochen, das Feld bestellen, die Kinder versorgen. Sie sieht, wie die Männer sagen, sie suchten in der Stadt nach Arbeit, und dann sind sie doch nur in der Bar, weil es keine Arbeit für sie gibt. Deshalb sitzt Munsaka nun hier auf dem Backstein im grünen Gras und sagt mit ihren 13 Jahren so einen Satz: „Nein, ich möchte niemals heiraten. Ich möchte nicht so leiden.“ Für Munsaka ist die Sache klar: Lehrerin will sie werden. Menschen ausbilden, die bisher zum Lernen keine Chance hatten.

Lernen fürs Landleben: Die 13-jährige Munsaka sieht in der Bildung ihre Chance, einer frühen Heirat zu entrinnen. In der Radioschule lernt sie Englisch und Mathematik – und handfestes Rüstzeug wie die Grundzüge einer nachhaltigen Landwirtschaft.

Quelle: Jakob Studnar/Kindernothilfe

Hier in Sintemba, einem kleinen Dorf im südafrikanischen Sambia, gibt es keinen Strom, keine Bibliothek, kein Fernsehen, kein Internet, keine Arbeit. Meist nicht einmal Papier. Es gibt hier keine Jobs, zu wenig Schulen, kaum Infrastruktur. Die HIV-Rate ist hoch, viele Kinder sind Aids-Waisen. Die Kinder helfen – auf dem Feld, mit den kleinen Geschwistern, beim Wasserholen. Für Schule war hier lange kein Platz. Das ist nun anders.Es ist früher Nachmittag, die Akazien spenden Schatten. Munsaka hat schon vier Stunden Unterricht hinter sich. Die 13-Jährige sitzt still und aufmerksam in Reihe zwei und lauscht der Stimme aus dem Radio. Das Radio ist hier die Lehrerin. Die Stimme aus der blauen Kiste erklärt, dass ein rechter Winkel 90 Grad hat und wie man zwei Brüche miteinander multipliziert. Die Themen aus dem Radio werden unterbrochen von leiser Fahrstuhlmusik, die die Fächer voneinander abgrenzt: Mathematik, Geografie, Gesundheits- und Landeskunde. Manchmal leiert das Radio etwas, dann muss wieder gedreht werden. Das Radio wird mit einem Kurbeldynamo betrieben.

Munsaka überträgt das Gehörte in ihr vergilbtes Schulheft. Sie sitzt auf einem Baumstamm, der von Ziegelsteinen gehalten wird. „Teacher, tell the children“, tönt es aus dem Radio. Jetzt ist der junge Mann vorne an der Tafel an der Reihe. Nur: Auch er ist kein Lehrer. Der junge freiwillige Helfer aus dem Dorf hat nicht studiert, aber er ist zwölf Jahre zu Schule gegangen. Er kann lesen und schreiben, spricht Englisch. Damit hat er mehr Bildung als die meisten Erwachsenen in der Region Chikuni, 150 Kilometer von der Hauptstadt Lusaka entfernt.

Mit 14 anderen Mädchen und Jungen besucht Munsaka die sechste Klasse der „Taonga“-Radioschule, 54 Kinder aller Altersklassen lernen hier. Die Missionsstation der Jesuiten hat im Jahr 2000 im einige Kilometer entfernten Chikuni mit dem Unterricht über Äther begonnen, die Kindernothilfe aus Deutschland unterstützt das Projekt. Mit 112 000 Euro hat die deutsche Hilfsorganisation die Radioschulen 2012 finanziert. 17 dieser Schulen gibt es in einer Umgebung von 10 000 Quadratkilometern inzwischen, mit drei sind die elf Missionare damals gestartet. Derzeit lernen 1684 Kinder von der ersten bis zur siebten Klasse in den Schulen. 14 Schulen haben angeschlossene Lehrgärten, in denen die Grundregeln von nachhaltiger Landwirtschaft und Viehzucht vermittelt werden – Dinge, die die Kinder hier im Alltag gebrauchen können.In den Dörfern rund um Chikuni ersetzt das Radio nun die Lehrer. Weil der Staat immer noch viel zu wenige Lehrkräfte ausbilden und bezahlen kann und weil es viel zu wenig staatliche Schulen gibt. Früher hat Munsaka solch eine staatliche Schule besucht, doch da konnte sie sich nie konzentrieren. Über 100 Kinder saßen mit ihr im Klassenraum. Gelernt hat sie zu wenig, sagt sie.

Jetzt lernt sie im eigenen Dorf. Und kommt vorwärts. Viermal am Tag gibt es jeweils für 40 Minuten Radiounterricht, jedes Mal für eine andere Klassenstufe. Der kleine blaue Empfänger wird von Klasse zu Klasse gereicht. Die Inhalte sind mit dem Ministerium abgestimmt – jedoch zum Teil schon zehn Jahre alt. Eine Handvoll engagierter Freiwilliger wie Alice Nsanzya hilft bei der Vor- und Nachbereitung des Unterrichtsstoffes. Als Mentorin betreut sie unter anderem die zweite Klasse in Sintemba. Elf Jahre macht sie das schon, jeden Tag ein paar Stunden, nach der morgendlichen Feldarbeit. 100 Kwacha, etwa 14 Euro, bekommt sie seit Kurzem dafür im Monat. Vorher hat sie es einfach so getan. „Ich hoffe, dass die Kinder durch die Schule hier besser aufwachsen und eine gute Arbeit finden“, sagt die 50-jährige Mutter zweier Kinder. Dass Mentoren für das Radioprojekt gesucht werden, hat sie seinerzeit in der Kirche erfahren.

Die sechste Klasse von Munsaka darf den einzigen Klassenraum hier in Sintemba nutzen, er ist aus Lehm gebaut und hat ein Strohdach. Darin ist es schattig, es lässt sich gut aushalten. Die Zweit- und Viertklässler sitzen draußen unter den Bäumen auf Steinen. Nach 40 Minuten ist die Radiostunde für Munsaka vorbei, und ein Klassenkamerad trägt das verschrammte Radio raus zu Alice Nsanzya. 24 Kinder der zweiten Klasse besuchen heute Alices Unterricht. Die Tafel lehnt an der Akazie, morgens haben die Kinder sie aus dem Schuppen geholt. „Welche Wörter kann man mit ,J‘ bilden?“, fragt die Stimme im Radio. Alice wiederholt, schreibt die Frage an die Tafel. Die Finger der Kinder gehen in die Luft. „John“, „Jumping“, „Jane“ und „June“ fallen ihnen ein. Englisch ist zwar die Landessprache in Sambia, doch die Muttersprache der Kinder hier im Süden ist Tonga.

Kindernothilfe

Die Kindernothilfe unterstützt das Projekt der "Taonga"-Radioschulen in Sambia. Mit 112 000 Euro hat die deutsche Hilfsorganisation die Schulen 2012 finanziert. Die Kindernothilfe ist eines der größten christlichen Hilfswerke in Deutschland. Sie setzt sich seit über 50 Jahren für Not leidende Kinder ein, mittlerweile in 30 Ländern Asiens, Afrikas, Osteuropas und Lateinamerikas. Sie fördert fast 780.000 Kinder und ihre Familien mit nachhaltigen Entwicklungsprojekten und leistet Humanitäre Hilfe. Weitere Informationen: www.kindernothilfe.de/

Bevor die „Taonga“-Radioschulen mit dem Unterricht begannen, sind 80 Prozent der Kinder in der Gegend nicht zur Schule gegangen. Sie müssen auf dem Feld arbeiten, die Mädchen werden oft mit 14 Jahren verheiratet. Oder sie bekommen in dem Alter selbst Kinder – weil sie dann in der Hierarchie des Dorfes aufsteigen. Sie sind eine „Bina“, eine Mutter. Hier zählt das oft mehr als ein Schulabschluss. Zwei der drei Schwestern von Munsaka sind schon verheiratet.

Natürlich gibt es Schulen in der Gegend, aber es sind zu wenige. Sie sind zu weit weg oder die Klassenstärke von bis zu 80 Schülern macht ein Lernen unmöglich. Die wenigen Lehrer, die es gibt, sind unzuverlässig und schlecht ausgebildet. Manchmal sind sie einfach tagelang verschwunden. Weil sie in die nächste Stadt gefahren sind, um das Monatsgehalt abzuholen. Dann sitzen die Kinder alleine im Klassenraum.

Das Radio ist für die Gegend um Chikuni zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Der Sender der Jesuiten-Mission spielt nicht nur das Bildungsprogramm für die „Taonga“-Schulen ab, sondern sendet von morgens bis abends Musik, Veranstaltungstipps und Gesundheitserziehung. Vorher hat es für die 25 000 Einwohner der Region kein Radio gegeben – es ist kein Sender sonst zu empfangen. Strom gibt auf den Dörfern nicht, den einzigen Internetzugang hat die Mission in der Radiostation. Das „Chikuni Community Radio“ verkündet, wer gestorben ist, wer in den Gemeinderat gewählt wurde, wann das Gospelkonzert stattfindet, welche Fußballmannschaft gewonnen hat. „Das Radio ist zur Plattform für die Menschen in allen Lebenslagen geworden. Vor allem für die Frauen, die vorher keine Stimme im Dorf hatten“, sagt Andrzej Lesniara stolz. Der Pole lebt seit 1995 in Chikuni und leitet das Gemeinderadio. Besonders im Bereich Bildung engagieren sich die Jesuiten in Chikuni. Aber es gibt auch Krankenhäuser, Gemeindegruppen, lokales Leben eben. „Wie sollen die Kinder hier eine Zukunft ohne Bildung haben?“, fragt Lesniara. „Wir tun hier, was die Regierung eigentlich machen sollte“, fügt Kelly Michelo zu, der in der Mission die Radioschulen betreut.

Erste Erfolge zeigt der Hörunterricht: Bei den Abschlussprüfungen schneiden die Kinder aus den Radioschulen oftmals besser ab als die Schüler der staatlichen Einrichtungen. Und die Begeisterung der Kinder ist ansteckend: Der 62-jährige Bruno Munyanzwe zum Beispiel, einer der Dorfoberen, geht inzwischen in die neunte Klasse einer weiterführenden Schule. Seine Grundbildung hat er aus der Radioschule. Viele Erwachsene nehmen sich ein Beispiel an ihm, wollen nun auch Englisch lernen und Mathematik. Die Älteren wollen mit ihren Kindern mithalten – die Jüngeren ihren kleinen Söhnen und Töchtern ein Vorbild sein.

Für Munsaka klingt der Schultag heute im Garten aus. Bornface Haangala zeigt, wie man schonend die Blätter vom Moringa-Baum sammelt. Eine Wunderpflanze, mit der verunreinigtes Wasser gesäubert werden kann und aus dem Puder gemacht wird zum Anreichern von Speisen und Suppen. Munsaka steht interessiert neben dem Lehrer. Hört zu, nickt. Und verschränkt die Arme vor der Brust, sodass der Schriftzug auf ihrem T-Shirt verdeckt ist. „Love“ steht darauf.

Ein Bildungsminister räumt auf

Die Maßnahme des sambischen Bildungsministers ist drastisch: Wenn John Phiri in die ländlischen Gegenden fährt, montiert er die Landesfahne an seinem Dienstwagen ab – damit ihn keiner erkennen kann. „Ich habe Angst, für die Versäumnisse der Vergangenheit verprügelt zu werden“, sagt der Minister. Zu groß sind die Probleme im Bildungssystem in dem südafrikanischen Land. Es ist ihm peinlich.

Knapp ein Drittel der sambischen Kinder besucht keine Schule, das Einschulungsalter von sieben Jahren wird oft weit überschritten. Dabei sehen die reinen Zahlen eigentlich gut aus: Die Alphabetisierungsrate hat sich auf über 70 Prozent gebessert – doch das ist nur der nationale Durchschnitt. Auf dem Land liegt die Analphabetenrate teilweise bei 90 Prozent.„Wir haben gar kein Bildungssystem in Sambia“, sagt Bildungsminister John Phiri kritisch. „Uns macht vor allem die Qualität der Lehre Sorgen.“ Die Kinder lernten nicht das Richtige. 10 000 Lehrer fehlten, und die, die es gebe, seien schlecht ausgebildet, resümiert der ehemalige Lehrer. Er kann so etwas auch sagen. Seine Regierung ist noch nicht so lange dabei. Vor knapp 20 Monaten hat es in Sambia einen Regierungswechsel gegeben – friedlich, fast geräuschlos. Kritik zu üben, heißt für den Minister also, die Vorgänger zu kritisieren.

Hinzu kommt das Sprachproblem: 14 Millionen Einwohner leben in Sambia, die 72 Volksstämmen angehören. Englisch ist zwar die Landessprache, doch es gibt 43 weitere Sprachen im Land. Mit Englisch kommen die meisten Kinder erst im Unterricht in Berührung. Die Grundbildung ist bis zur neunten Klasse in staatlichen Schulen frei, doch Bücher und die Schuluniform müssen die Eltern bezahlen. Das ist mehr, als viele aufbringen können. Für die „Secondary School“ fallen Gebühren an – etwa 170 Euro im Halbjahr. Von der Grundschule gehen daher zu wenige Kinder auf die weiterführende Schule. Phiri will nun aufräumen: landesweite Lehrpläne erstellen, Lehrer besser ausbilden, mehr Schulen bauen, Schulbücher zur Verfügung stellen. 5000 neue Lehrer fangen bereits dieses Jahr ihren Dienst an. sup

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