RAF-Verfahren

Buback-Prozess geht zu Ende

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Foto: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker muss sich vor Gericht zu den Vorfällen im Jahr 1977 äußern.

Stuttgart - Das Verfahren gegen Verena Becker zeigt: Bei der Aufklärung der RAF-Geschichte stößt die Strafjustiz an ihre Grenzen. Nebenkläger Michael Buback kämpft bis zum letzten Moment um die Wahrheit.

Nach 91 Verhandlungstagen, nach mehr als anderthalb Jahren im Prozess gegen Verena Becker, sprach Richter Hermann Wieland die erlösenden Worte: „Hiermit ist die Beweisaufnahme geschlossen." An diesem Dienstag (12. Juni) sollen die Plädoyers beginnen. Noch am letzten Tag hatten die Richter zwei Anträge des Nebenklägers Michael Buback abgelehnt. Er wollte wissen, wer die Vernichtung der Sportschuhe angeordnet hatte, die Verena Becker bei ihrer Festnahme trug, und er wollte wissen, welche Schuhgrößen die ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar, Knut Folkerts und Stefan Wisniewski haben.

Michael Buback hat immer wieder betont, dass es in dem Prozess nicht um ihn gehen solle - aber je deutlicher sich dieser mitunter quälend lange Prozess dem Ende zuneigte, desto deutlicher wurde auch die Verzweiflung Bubacks. Denn die Frage, die den 67-jährigen Chemieprofessor umtreibt, wurde trotz einer überaus gründlichen Beweisaufnahme nicht beantwortet: Wer saß auf dem Motorrad, von dem aus am 7. April 1977 sein Vater, der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, und dessen Begleiter erschossen wurden?

Der Sohn scheint nach wie vor davon überzeugt, dass es die angeklagte Verena Becker war - obwohl das Verfahren hierfür keine Belege erbrachte, und das, obwohl das Gericht auch den entferntesten Spuren nachging. So beschäftigte sich der Senat im April einen ganzen Nachmittag lang mit einem mysteriösen Zeugen, angeblich ein ehemaliges Mitglied des ungarischen Geheimdienstes, der behauptete, er habe drei Container mit Stasi-Unterlagen bekommen - darin ein Tonband, auf dem Verena Becker sage, sie habe "den Hund erschossen". Nur, dass er Unterlagen und Tonband gerade nicht dabei habe, beziehungsweise gerade einem „Mitarbeiter" gegeben habe, beziehungsweise Exklusivverträge geschlossen habe, die ihm die Herausgabe unmöglich machten.

Auch Buback scheint zu ahnen, dass ihm dieser Prozess keine Antwort geben wird, dessen Urteil für den 6. Juli erwartet wird. Umso mehr scheint er sich an jeden Strohhalm zu klammern. Ende Mai, an einem der letzten Verhandlungstage, wollte Buback eine Zeugin hören lassen, deren Mutter in demselben Altenpflegeheim lebte wie eine inzwischen verstorbene Malerin aus Ettlingen. Diese wiederum habe das Tatmotorrad gesehen, und auch, dass die Person auf dem Soziussitz Schuhe angehabt habe, die „keine Männerschuhe" gewesen seien.

Diejenigen, die Buback wahrscheinlich helfen könnten, die alten RAF-Kader um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar - sie schwiegen vor Gericht, gedeckt durch eine großzügige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Aussageverweigerung. Und Verena Becker, von der man nur schwer einschätzen kann, was sie wirklich weiß, gab gegen Ende des Prozesses immerhin eine Erklärung ab. Bubacks Frage könne sie nicht beantworten, sagte sie. „Denn ich war nicht dabei."

Doch nicht nur die große Frage Bubacks blieb unbeantwortet - auch für die These der Bundesanwaltschaft, dass Becker bei der Planung des Anschlags eine wesentliche Rolle spielte und deshalb als Mittäterin zu verurteilen sei, erbrachte der Prozess keine wirklich harten Belege.Erst recht nicht für die große Verschwörungstheorie, wonach Geheimdienste ihre angebliche Informantin Becker beschützt hätten. Wobei die etwas eigenartigen Auftritte mancher Verfassungsschützer andererseits aber auch nicht geeignet waren, großes Vertrauen herzustellen.

Rätselhaft blieb etwa, wie der Name des Ex-Terroristen Stefan Wisniewski als möglicher Täter in einen Vermerk kam. „Daran wird seit Jahren fieberhaft gearbeitet", sagte der damalige Sachbearbeiter bei seiner Vernehmung. „Wir stehen vor einem Phänomen."

Was bleibt also von diesem Prozess? Mehr offene Fragen als Antworten - und die Erkenntnis, dass ein Strafprozess zur Ermittlung der historischen Wahrheit über die „Rote Armee Fraktion" wohl nicht das richtige Mittel ist. Es ist zu erwarten, dass die Beteiligten in ihren Plädoyers zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen. Den größten Raum wird dabei die Nebenklage einnehmen: Allein für den Vortrag Bubacks sind zwei Verhandlungstage vorgesehen.

dpa

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