Andere Art der Privatisierung

Bürger retten ihr Hallenbad

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Foto: Durch ihren eigenen Einsatz und die Gründung einer Genossenschaft haben die Menschen in Nörten-Hardenberg ihr Hallenbad gerettet.

Nörten-Hardenberg - Eine Gruppe älterer Damen teilt mit rhythmischen Armbewegungen das Wasser, auch ein Mann mit Badekappe macht mit beim Aquafitness im Hallenbad in Nörten-Hardenberg. Von der Cafeteria aus beobachtet Frank Priebe das muntere Treiben. Der 57-Jährige wirkt entspannt, so als habe er einen großen Kraftakt bewältigt.

Das hat Priebe tatsächlich. Ohne ihn gäbe es das Schwimmbad in dem südniedersächsischen Flecken nämlich nicht mehr. Priebe, bis Ende 2011 (parteiloser) Bürgermeister der Kommune mit 8500 Einwohnern, war es sogar selbst, der das Bad im Frühjahr 2004 zunächst schließen musste. „Weil die Gemeinde es sich einfach nicht mehr leisten konnte, jedes Jahr ein Defizit von 250.000 Euro auszugleichen“, erzählt er.

Aber die Nörten-Hardenberger wollten ihr Bad unbedingt retten. Einige hatten von einem Schwimmbad in der Schweiz gehört, das als Genossenschaft geführt wird. So wollten sie es auch machen und das Hallenbad in Eigenregie betreiben. Priebe überzeugte diese „andere Art der Privatisierung“. Obwohl anfangs belächelt, schaffte er es zusammen mit engagierten Bürgern, 300 Nörten-Hardenberger, darunter auch Unternehmer, für die Gründung der ersten Bad-Genossenschaft in Deutschland zu gewinnen. Sie zeichneten Anteile zwischen 100 und 3000 Euro, wie Priebe berichtet, der heute Vorsitzender des sechsköpfigen Vorstandes ist. So kam ein Genossenschaftskapital von 50.000 Euro zusammen.

Ende 2004 war es so weit: Der Genossenschaftsverband mit Sitz in Frankfurt und Hannover, der prüfte, ob die geplante Genossenschaft wirtschaftliche Chancen hat, erteilte dem Business-Plan seinen Segen. Sofort begannen die „Genossen“ mit der Sanierung des Bades. Dafür stellte die Gemeinde, die weiter Eigentümerin ist, laut Priebe einen „einmaligen Betrag von 450.000 Euro“ zur Verfügung. Davon seien knapp 400.000 Euro investiert worden – für ein neues Dach, die bodentiefe Fensterfront, ein Kassensystem und die Saunalandschaft. Unternehmen mussten Mitglied der Genossenschaft sein, um Aufträge zu bekommen, wie Priebe sagt. Und viele Bürger packten mit an, so wurden die Duschen komplett in Eigenarbeit erneuert.

Am 3. September 2005 bekamen die Nörten-Hardenberger ihr Bad zurück. „Bei der Eröffnung war das Becken so voll, dass man das Wasser nicht mehr sehen konnte“, berichtet der ehemalige Bürgermeister immer noch staunend. Die Gründung der Bad-Genossenschaft habe ein „Wirgefühl“ geschaffen. „Die Leute identifizieren sich damit.“ Und engagieren sich ehrenamtlich, bei der Pflege der Grünanlagen oder einer fälligen Reparatur. So kommt das Bad heute mit einem festangestellten Schwimmmeister und einem technischen Mitarbeiter sowie einigen Aushilfskräften für die Reinigung aus.

Das Konzept funktioniert. Rund 35.000 Gäste besuchen jetzt das Hallenbad im Jahr. Die Einnahmen haben sich auf 185.000 Euro mehr als verdreifacht – auch weil die Genossenschaft mehr als nur Schwimmen anbietet. Geburtsvorbereitung, Babyschwimmen und Wellness zählen zum festen Programm und helfen nach Priebes Angaben „über die Durststrecke im Sommer“. Angeboten werden die Kurse von Massagepraxen, Vereinen und Fitnessstudios, die die Bahnen für 17 Euro pro Stunde mieten können. Zudem ziehen die Cafeteria und das Fußpflegestudio, die die Gemeinde an private Betreiber vermietet hat, Besucher an.

Das Bad-Geschäft läuft so gut, dass die Genossenschaft inzwischen eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und ein Blockheizkraftwerk im Keller installieren konnte, das das Hallenbad zu 80 Prozent mit Strom und Wärme aus eigener Produktion versorgt und Kosten spart, wie Priebe erklärt. 2011 habe man einen Überschuss von 40.000 Euro erzielt. Dadurch sei der Zuschussbedarf auf nur noch 35.000 Euro gesunken.

„Ganz ohne wird es aber nicht gehen“, weil immer mal wieder größere Investitionen wie die für 2013 geplante Sanierung der Hallendecke anstünden. Und das Bad sei schließlich ein Standortfaktor, der die Attraktivität der Gemeinde verbessere. Dafür lassen sich die Betreiber immer wieder etwas Neues einfallen. Demnächst will die Bad-Genossenschaft sechs sogenannte Unterwasser-Spinningräder anschaffen, mit denen Wasserratten sich im rhythmischen Radeln unter Wasser üben können. Zum Stückpreis von 2000 Euro. Das sei viel Geld. „Aber die Dinger werden der Renner“, glaubt Priebe.

Der Erfolg der Bad-Genossenschaft von Nörten-Hardenberg hat sich herumgesprochen, besonders seit sie 2007 von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und ihrem Schirmherr, dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, als „zukunftsorientiert, innovativ und originell“ ausgezeichnet wurde. Anfragen aus ganz Deutschland bekommt Priebe. Oft reisen Bürgermeister selbst an, um sich das Geschäftsmodell vor Ort anzusehen. In Niedersachsen haben fünf Kommunen das „Vorbild“ kopiert, darunter das „NaturErlebnisBad“ in Wunstorf-Luthe und das Waldschwimmbad in Bad Gandersheim. Es dürften bald noch mehr sein.

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