Tod eines Praktikanten

Die City frisst ihre Kinder

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Foto: Nach dem Tod eines Praktikanten bei der Großbrank Merrill Lynch ist eine Diskussion um Arbeitsbedingungen entbrannt.

London - Der Tod eines jungen Praktikanten hat in Großbritannien eine Debatte über die skandalösen Arbeitsbedingungen in der Londoner Finanzwelt ausgelöst. Der 21-jährige Deutsche war während eines Praktikums bei der Bank of America Merrill Lynch gestorben – nachdem er mehrere Nächte durchgearbeitet hatte.

„Sklaverei in der City“ titelte der Londoner „Independent“ am Mittwoch, auch die „Financial Times“ prangerte die Arbeitsbedingungen in der City of London, dem Finanzdistrikt, an, nachdem erschütternde Details zum Tod von Moritz Erhardt aus Staufen im Breisgau bekannt geworden waren. Der Merrill-Lynch-Praktikant war vor einer Woche tot in der Dusche seiner Wohnung aufgefunden worden. Ein Praktikant, der im gleichen Apartment wie Erhardt untergebracht war, berichtete, der junge Deutsche habe „in zwei Wochen achtmal die ganze Nacht durchgearbeitet“, um seinen Fleiss zu demonstrieren. In der City werde man ja oft zu verrückt langen Arbeitstagen angetrieben. „Für ihn war es vielleicht am Ende einfach zu viel.“

Andere, die Erhardt kannten, äußerten denselben Verdacht in einem in der Branche populären Onlineforum. Einer erklärte, der Student, der in der Investmentbank binnen sechs Wochen zum kleinen „Superstar“ geworden sei, habe regelmäßig bis in die Nacht hinein gearbeitet und in den letzten drei Tagen seines Lebens jeweils 21 Stunden im Büro verbracht. Moritz Erhardt sei „dreimal hintereinander um 6 Uhr morgens heimgekommen“ – um gleich darauf wieder, in frischen Kleidern, loszuziehen.

100 bis 110 Arbeitsstunden pro Wochen, wissen City-Insider zu erzählen, seien auch für Praktikanten durchaus keine Seltenheit. Ein Sprecher von Merrill Lynch erklärte, der Fall habe die Belegschaft tief getroffen: „Er war sehr beliebt, und ein fleißiger Praktikant in unserem Unternehmen mit einer vielversprechenden Zukunft.“

Der Deutsche, der an einer privaten Wirtschaftshochschule in Vallendar bei Koblenz studierte, hatte bereits Praktika bei weiteren Topunternehmen absolviert – unter anderem bei der Wirtschaftsberatung KPMG und der Deutschen Bank. Nicht bestätigte Quellen sprachen davon, er könnte Epileptiker gewesen sein.

Obwohl die Zahl der Jobs in der „Square Mile“ seit der Kreditkrise 2008 um rund 30 Prozent gesunken ist, locken dort noch immer glänzende Einkünfte und Privilegien. Vor diesem Hintergrund könne man Anfängern leicht „sklavische Arbeitsbedingungen“ aufbrummen, klagt FinanceInterns, eine Ratgeberorganisation für Schul- und Uni-Abgänger. Ehrgeizige Anwärter mühten sich „oft ziemlich verzweifelt darum“, an eine der immer spärlicher werdenden Stellen in der City zu kommen, sagte Prof. Chris Roebuck von der Londoner Cass-Business-Hochschule „Und manche Unternehmen nutzen das leider aus.“

Es könne vier Wochen dauern, bis klar sei, warum der junge Mann gestorben sei, teilte die Gerichtsmedizin in London mit. Bislang werde der Fall nicht als Straftat gewertet.

Peter Nonnenmacher (mit: dpa)

HAZ-Interview mit Arbeitspsychologe Prof. Michael Kastner: „Dahinter steht eine Sucht“

Herr Kastner, man sagt von Bankern, sie gingen nicht mal zum Duschen nach Hause. Was treibt sie an, mehr als 100 Stunden in einer Woche zu arbeiten?

Die Sucht nach Geld, Macht, Ruhm und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe stehen dahinter. Dafür arbeiten sie bis zum Umfallen. Ich coachte neulich einen Stromhändler, der ebenfalls rund um die Uhr im Einsatz ist. Er sagte mit 30 Jahren, er sei kaputt, drei Jahre aber wolle er noch schaffen. Wie viele andere will er jetzt Geld verdienen, um sich später dann ein besseres, ruhigeres Leben zu ermöglichen. Es ist allerdings eine Illusion, sich von dieser Sucht befreien zu können. Die Gier bleibt.

Haben Praktikanten in so einem System überhaupt eine Chance?

Eigentlich nicht. Sie tun alles, um zu dieser Welt Zugang zu finden und einen festen Job zu bekommen. Ihre Situation ist schwierig: Sie haben keine Vorhersehbarkeiten, können etwa keine Bausparverträge abschließen, um ihre Zukunft zu sichern, weil sie wenig verdienen. Manche von ihnen wollen parallel noch eine Familie gründen. Sie strampeln sich ab. Das sieht man an den Burn-out-Zahlen: Mittlerweile sind bei den Endzwanzigern die Peaks erreicht, früher lagen sie noch bei Endvierzigern.

Was macht diese Art der Arbeit mit Körper und Geist?

Ich beschreibe es immer anhand der Zahnfleischtheorie: Wenn Sie immer auf zwei Dritteln des Zahnfleisches laufen, sich Anspannung und Entspannung abwechseln, ist es optimal. Wenn es mehr wird, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Der Körper kompensiert sehr lange – aber irgendwann kommt der Zusammenbruch.

Interview: Dany Schrader

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