Drei Frauen gekidnappt

Cleveland-Entführer droht die Todesstrafe

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In diesem Haus hielt der Entführer drei Frauen über mehrere Jahre gefangen.

Washington - Amerika rätselt: Wie konnten drei Frauen in dem dicht besiedelten Wohngebiet in Cleveland jahrelang gefangengehalten werden?

Das Entführungsdrama von Cleveland hält Amerika in Bann. Erschüttert verfolgten Millionen Fernsehzuschauer am Wochenende Angie Greggs Abrechnung mit ihrem eigenen Vater: "Dass der Mann, der früher immer so liebevoll zu uns Kindern war, so etwas tun kann, ist erschreckend. Für mich ist er tot."

Die junge Frau hatte ihre gesamte Kindheit bei Ariel Castro verbracht. Auch als sich ihre Eltern trennten und ihre Schwestern mit ihrer Mutter fortgingen, blieb sie bei ihrem Vater – und fühlte sich offensichtlich wohl. Dass nun ausgerechnet dieser Mann, zu dem sie immer ein großes Vertrauen hatte, so ein fürchterliches Verbrechen begehen kann, ist ihr unbegreiflich: "Ich verstehe das nicht. Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, wollte ich sterben." Angie Gregg dürfte in dem Gerichtsverfahren eine wichtige Zeugin werden: Sie kennt die Entführungsopfer aus gemeinsamen Schultagen und besuchte das Elternhaus noch zu einer Zeit, als es sich längst in ein Horrorgefängnis verwandelt hatte. "Rückblickend verstehe ich all diese Seltsamkeiten", sagte Gregg dem TV-Sender CNN.

Bei ihren Besuchen blieb es der jungen Frau verboten, ihr früheres Kinderzimmer zu sehen. Der Vater hatte ihr gegenüber stets behauptet, dass dieses Zimmer "vermüllt" und daher nicht vorzeigbar sei. Auch der Keller, in dem der mutmaßliche Täter die Frauen festhielt, blieb stets verschlossen. "Ich hatte mir nichts dabei gedacht, dass mein Vater immer unheimlich viel Zeit brauchte, bis er die Haustür öffnete", sagt Gregg. Für sie sei es unfassbar, dass sich dort, wo sie eine glückliche Kindheit erlebt hatte, später drei Frauen jahrelang gequält wurden. An die Opfer, deren Angehörige und an die Nachbarschaft gerichtet, sagt sie: "Hoffentlich verstehen die Menschen meine Familie. Wir haben kein Monsterblut in uns."

Nach all den erschütternden Details, die mittlerweile über die zehnjährige Entführung bekannt geworden sind, erwägt der Staatsanwalt Timothy McGinty offenbar die Todesstrafe: Castro habe auf seinem 1400-Quadratmeter-Anwesen eine Folterkammer und ein privates Gefängnis mitten in der Stadt gehabt. McGinty kündigte an, "jeden Akt vorsätzlichen Mordes" zu untersuchen, den der Angeklagte begangen habe, indem er Schwangerschaften abbrach. Für den Juristen steht fest: Das Gesetz des Bundesstaates Ohio erlaube die Todesstrafe für Kriminelle, die während einer Entführung vorsätzlich einen Mord begehen.

Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight wurden zwischen 2002 und 2004 entführt und über all die Jahren hinweg unweit ihrer Elternhäuser festgehalten.

Michael McGrath, Polizeichef von Cleveland, geht davon aus, dass die jungen Frauen bis auf wenige Momente in dem gefängnisartigen Haus leben mussten. Nur mit dem kleinen Mädchen - die Tochter von Ariel Castro - sei der Entführer hin und wieder auf einen Spielplatz gegangen, ohne allerdings Kontakt zu anderen Nachbarn aufzunehmen. McGrath spricht von einem "Martyrium": In dem Haus in der Seymour Avenue seien Handschellen, Seile und Ketten gefunden worden - die Anklage gegen Ariel Castro lautet denn auch auf Entführung und Vergewaltigung. Nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen soll der Täter die Frauen zumeist in getrennten Räumen gefangengehalten haben. Um seine Taten zu verschleichern, habe sich der frühere Schulbusfahrer an Mahnwachen und Spendensammlungen beteiligt, mit denen an das Schicksal der Opfer erinnert werden sollte.

Fallengelassen wurden dagegen die Verdächtigungen gegen die beiden Brüder des Kidnappers: Onil und Pedro Castro wohnen nur wenige Straßen von dem Horrorhaus entfernt, sollen aber nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen nicht in das Verbrechen verwickelt sein.

Ein Reporterteam der "Washington Post" zeichnete unterdessen ein erschütterndes Sittengemälde über die Atmosphäre in der Seymour Avenue. Demnach hätten Nachbarn freimütig zugegeben, allerlei Seltsamkeiten in den vergangenen Jahren beobachtet zu haben, ohne allerdings die Polizei zu informieren. Sie wollten nicht als "bochinchoso" gelten - wie unter Puerto Ricanern Klatschmäuler und Polizeispitzel beschimpft werden. Selbstverständlich hätten sich die Anwohner die Frage gestellt, wieso der 52-jährige Junggeselle plötzlich regelmäßig mit einem Kleinkind unterwegs ist, ohne dass er in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit mit einer Frau gesehen wurde.

Erschreckend sind auch die Aussagen einer Familie, die unweit des Verdächtigen lebt: Im vergangenen Jahr sei ihre Tochter an einem Abend völlig verstört nach Hause gekommen und habe davon berichtet, wie sie eine nackte Frau auf der Rückseite von Castros Haus beobachtet habe, die auf allen Vieren krabbelte und wie ein Hund an einer Leine geführt worden sei. Der Mann habe sie mehrfach getreten. Die Eltern hätten dem Kind zunächst keinen Glauben geschenkt. Wenige Tage später hätten ältere Nachbarn ihnen aber bestätigt, ähnliches beobachtet zu haben. "Wir haben die Polizei gerufen, es kam aber niemand," behauptete der Anwohner lapidar.

Polizei und Stadtverwaltung weisen die Vorwürfe zurück: "Alle Gespräche, die bei uns eingehen, werden aufgezeichnet. Einen Hinweis dieser Art haben wir nicht erhalten", sagt Maureen Harper von der Stadtverwaltung. Gleichwohl sei der Verdächtige der Polizei hinreichend bekannt gewesen: Seine frühere Ehefrau soll er mehrfach misshandelt haben.

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