Nach Anschlag in Kopenhagen

Dänemark rätselt über Motiv des Todesschützen

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Zahlreiche Menschen gedenken den bei Terroranschlägen in Kopenhagen ermordeten Opfern.

Stockholm - Der vermummte und schwer bewaffnete Attentäter, der am Sonnabend eine Diskussionsrunde in einem Kulturcafé und am Sonntag eine Synagoge in Kopenhagen angriff, ist nach Überzeugung der Polizei Omar Abdel Hamid El-Hussein. Dänemark rätselt über das Motiv des 22-jährigen Todesschützen.

„Ich bin genauso schockiert wie der Rest der Welt. Ich habe es erst von der Polizei gehört, die mich anrief.“ „Es“, das ist das ungeheure Wissen, dass das eigene Kind zwei Menschen ermordet hat: einen, weil er seine Meinung frei sagen wollte, den anderen wegen seines Glaubens. „Es“, das ist der Terror dieses Wochenendes in Kopen­hagen und die Identifizierung des Todesschützen. Was kann ein Vater da ­sagen? Mehr als „ich bin genauso schockiert wie der Rest der Welt“ wahrscheinlich nicht.

Omar ist in Kopenhagen aufgewachsen. Die El-Husseins sind einst aus Palästina nach Dänemark geflohen. Omar soll frühzeitig Kontakt zum ­Bandenmilieu gehabt und den Umgang mit Waffen erlernt haben. Vor Kurzem erst ist er nach zwei Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Im November 2013 hatte er einen 19-Jährigen in einer S-Bahn mit einem Messer angegriffen.

Menschen, die ihn kannten, beschreiben ihn in Zeitungen und Fernsehberichten als unkontrollierten und jähzornigen jungen Mann, der immer wieder in Streitigkeiten geriet. „Er liebte es, den Islam zu diskutieren. Vor allem auch den Israel-Palästina-Konflikt. Er scheute sich nicht davor, offen zu bekennen, dass er Juden hasste“, sagte ein einstiger Klassenkamerad der Zeitung „Politiken“. Hat er deshalb gemordet, aus Hass?

Omar El-Hussein habe vor seinem Gefängnisaufenthalt eher den Eindruck eines Gewaltverbrechers als eines religiösen Extremisten gemacht, sagt der Journalist Jesper Larsen, der über den Prozess berichtet hatte. „Er wirkte nicht religiös. Er wirkte eher wie ein gefühlsmäßig abgestumpfter Krimineller.“

Nun wird darüber gerätselt, ob der junge Muslim im Gefängnis radikalisiert wurde. „Vor der Zeit im Gefängnis war er jedenfalls ein richtig cooler Kerl“, beschreibt ihn ein Nachbar. Habe sich mit den anderen Jungen aus seinem Wohnblock getroffen. Sei zum Thaiboxen gegangen. „Ich wusste, dass er gläubig war, aber nicht, dass er so gläubig war. Er konnte muslimische Mädchen in der Klasse kritisieren, wenn sie etwas taten, was nicht zur Religion passte. Etwa wenn sie Alkohol tranken“, hält ein Schulfreund dagegen.

Omar ist in Mjönerparken, einem Stadtgebiet mit reger Bandenkriminalität, groß geworden. „Dort wächst man mit Schießereien und Ermordungen auf. Die Kleine-Brüder-Generation ist oft noch härter als ihre großen Brüder“, sagt der Sozialarbeiter Aydin Soei. Zuletzt war Omar zu einem Zentrum für Erwachsenenbildung gegangen, hatte dort auf seine Hochschulreife hingearbeitet. „Er war ein sehr fleißiger und begabter Schüler, der sich rein fachlich gut geschlagen hat“, sagt der Rektor. „Er war ein guter Junge!“, schreit wütend ein Jugendlicher all den Reportern entgegen, die vor dem Wohnblock, in dem die El-Husseins wohnen, nach Informationen fischen.

Während immer mehr Einzelheiten über den mutmaßlichen Täter bekannt werden, mehren sich am Montag auch die Anzeichen, dass Omar El-Hussein Mithelfer hatte. Ein 19-Jähriger und ein 22-Jähriger wurden verhaftet. Sie werden verdächtigt, mit einem Versteck geholfen und Waffen besorgt zu haben. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach vier Wochen Untersuchungshaft und Isolation gab ein Gericht nicht statt. Die Männer kommen nur acht Tage in U-Haft.

Doch bleibt die Angst vor ­einem größeren Kreis von Mitverschwörern. Der Karikaturist Lars Vilks, dem aller Wahrscheinlichkeit nach in erster Linie das Attentat auf das Kulturcafé Krudttønden gegolten hatte, teilte am Montag mit, dass er sich bis auf Weiteres an einen geheimen Ort zurückgezogen habe.

Unterdessen gedachten am Abend 30.000 Menschen in Kopenhagen der Opfer der Anschläge. „Heute will ich allen dänischen Juden sagen: Ihr seid nicht allein“, rief Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt bei der Kundgebung. „Ein Angriff auf die Juden Dänemarks ist ein Angriff auf Dänemark – auf uns alle.“

Von André Anwar

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