Fahrschulen für Frauen

„Das Auto war für mich ein Fremdkörper“

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Foto: Die Fahrlehrerin Tanja Hapelt sitzt in einem Ausbildungsfahrzeug der Fahrschule „Lady Drive“. Die Fahrschule ist eine der wenigen Frauenfahrschulen in der Hansestadt Hamburg.

Hamburg - Frau am Steuer, Ungeheuer? Einige Fahranfängerinnen müssen sich Vorurteilen stellen – oft sticheln auch Fahrlehrer. Auf einfühlsame Art wollen Frauenfahrschulen nun Damen die Angst am Steuer nehmen.

Plötzlich zwingt eine rote Ampel die Frau zum Bremsen. Prompt folgt ein Adrenalinschub – bloß nicht anhalten! Dann tönt ein Stottern aus dem Motorraum. Gelbe, blaue, grüne Lämpchen blinken gleichzeitig. Die Hände am Lenkrad zittern - eine lähmende Angst, die Kontrolle über das Auto zu verlieren. Und dann drängeln die anderen Fahrer sie aufgebracht hupend zum Weiterfahren. Und der eigene Wagen, er rührt sich auf der Kreuzung keinen Millimeter vom Fleck. Autofahren? Der blanke Horror. So beschreibt Nicole O. (Name geändert) ein prägendes Erlebnis, das sie lange Zeit vor jeder Fahrt zittern ließ.

„Früher war das Auto für mich ein Fremdkörper“, sagt die Frau Anfang 40. „Ich war verkrampft, bin extra Schleichwege gefahren, um Ampeln zu vermeiden, und war stolz wie Oskar, wenn der Wagen ansprang.“ Ein Auffrischungskurs musste her, doch eines war ihr klar: Das Problem wollte sie nur einer Frau anvertrauen. Schließlich fand sie durch ein Angstseminar in der Frauenfahrschule Lady Drive zu ihrem Mut zurück.

Blockaden bei verunsicherten Damen lösen und das Vertrauen zum Auto zurückgewinnen: Das gehört zu den Zielen von Lady Drive – einer der wenigen Frauenfahrschulen in Hamburg. Anfang des Jahres wurden hier Seminare zum Angstabbau und Fahrstunden von Frauen für Frauen eingeführt. „Frauen können besser auf Gefühle eingehen“, erklärt Fahrlehrerin Tanja Hapelt. „Schon beim Einsteigen kann ich erkennen, wenn die Gedanken woanders sind. Dann frage ich gezielt nach. Manchmal auch nach Dingen, wo Männerohren nicht hinhören sollen“, sagt die 40-Jährige.

Von der jungen Schülerin, die sich vor dem ruppigen Stil männlicher Fahrlehrer scheut, bis zur verunsicherten Dame mittleren Alters, die ihren Führerschein über die Jahre aufgeschoben oder das Fahren vermeintlich verlernt hat: „Für viele Frauen gibt es nichts Schlimmeres, als mit Bauchweh in die Fahrschule zu kommen“, sagt Hapelt. Man wolle versuchen, eine entspannte Situation zu schaffen.

Die Fahrlehrerin sitzt in der Geschäftsstelle von Lady Drive, wo die Schülerinnen sonst die Theorie erklärt bekommen. Neben ihr stehen quietschbunte Sessel an kleinen Tischen mit Blumensträußchen. Das Foto eines orangefarbenen Autos auf Kuba ziert eine Wand, den Empfang schmücken eine Soda-Maschine und eine Dose mit Süßigkeiten. Hinten in einer Ecke liegen ein Bobbycar und Klötze auf einem Spielteppich, daneben steht ein rosa Prinzessinnenzelt. Hier kümmert sich auf Wunsch eine Kinderbetreuerin um den Nachwuchs, wenn Mama mal Fahrstunde hat, erklärt Hapelt. Und Wiedereinstiegskurse gibt es nicht nur auf vier Rädern – sondern neuerdings auch auf einer Harley-Davidson.

Gerade mal zwei Handvoll Frauenfahrschulen gebe es in ganz Deutschland, sagt Gerhard von Bressensdorf, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF), die 15.000 Fahrschulen in Deutschland vertritt. Er bezweifelt, dass sich mehr dieser Nischen-Angebote für Frauen durchsetzen. Selbst in Ballungsräumen hätte manche Frauenfahrschule wegen der geringen Nachfrage ihre Philosophie aufgeben und wieder auf gemischte Kurse umsteigen müssen, erklärt der 72-Jährige.

Nach Angaben von Fahrschulen-Verzeichnissen im Internet sitzen Frauenfahrschulen hauptsächlich in Metropolen wie Hamburg oder Köln. In Berlin will die „Fahrschule in der Weiberwirtschaft“ Teilnehmerinnen die Angst vor dem Steuer nehmen. Mitunter findet man ähnliche Konzepte aber auch in kleineren Orten, etwa im oberfränkischen Speichersdorf oder in Wöllstein und Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

Frauenfahrschulen würde Nicole O. jederzeit weiterempfehlen. Heute könnte sie auf Rädern sogar sportlich durch die Gegend flitzen. „Ich freue mich auf Staus und rote Ampeln und würde mir demnächst gerne mein Traumauto, einen Porsche 911, kaufen. Aber wahrscheinlich wird’s nur eine kleine Knutschkugel, ein Peugeot.“

dpa

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