Berlin und die In-Debatte

„Das schützt uns vor Trotteln“

+
Foto: Cool, zu cool oder nicht mehr cool? Berlins Bürger glauben die Antwort zu kennen.

Berlin - Ist Berlin nun in oder out? Die Hauptstadt hat eine neue Lieblingsdebatte. Eine Recherche führt zu Bloody Mary und Einhorn-Pullis. Auch ein Technopionier hat eine Antwort parat.

´Am Wochenende hat Berlin einen neuen Titel verpasst bekommen. „1. Weltfreiheitshauptstadt“ verkünden Klebestreifen auf den gelben Ortsschildern, wohl eine Aktion von Guerillakünstlern. Gerade hat das US-Magazin „The New Yorker“ dem Mythos Berlin neun Seiten Text gewidmet. Der Autor, ein biederer „American hockey dad“ lernt die Freizügigkeit der Stadt kennen, den legendären Club „Berghain“ und dessen Boxen an der Tanzfläche, „groß wie ein Trabant“. Und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) beteuert: „Die Stadt ist ein Faszinosum für viele Menschen.“

Marzahl als In-Bezirk

Es gibt also noch Hoffnung für die deutsche Hauptstadt, die kürzlich aus der amerikanischen Presse erfahren musste, dass sie normal und langweilig werden könnte. Die Debatte ist zum Partygespräch geworden, ähnlich wie die Klagen über steigende Mieten oder das Rätseln, welcher der neue In-Bezirk werden könnte. Klammer auf: Nach Neukölln und dem Wedding hat das Plattenbauviertel Marzahn neuerdings Chancen. Klammer zu.

Abends aber gehen Berliner und Touristen nach wie vor gerne nach Kreuzberg. Dort findet sich einer der großen Trends wieder: Essen ist das neue Ausgehen. Die Berliner Gastroszene boomt, einen Tisch zu bekommen, wird immer schwerer. „Foodies“, die neuen Feinschmecker, gehen zu Edel-Imbissen in eine alte Markthalle. Oder zum „Bar Market“ im alten Senatsreservenspeicher, einer bunkerartigen Industriehalle an der Spree. An einem Freitagabend tummeln sich dort Hipster im Pulli mit Einhorn-Motiv, junge Partygänger aus England und Familienväter mit einem Glas Riesling in der Hand.

„Die Leute werden natürlich älter“

„Die Leute werden natürlich älter, die vor zehn Jahren in die Clubs gegangen sind“, sagt Barkeeper Stefan Endres (35), der mit seiner Freundin Susan Choi (37) Austern und Bloody Mary verkauft. Die Leute seien offener für gutes Essen geworden - und Essen ist für ihn Teil der Popkultur geworden. Ihm ist es egal, was über die Stadt geschrieben wird. Er mag es, dass Berlin international geworden ist. „Das bringt der Stadt sehr viel Schwung.“ Bald will das Paar ein Restaurant eröffnen, wo „modern-Korean-American“ gekocht wird: „Bitte schreib nicht Fusion.“

Auch Bloggerin Mary Scherpe mag die neue Essens-Kultur und empfiehlt den Kreuzberger Bar-Abend auf ihrer Internetseite „Stil in Berlin“. Die Debatte, ob die Stadt in oder out ist, sieht die 31-Jährige fast schon als Running Gag. „Das dreht sich oft um sich selbst.“ Sie findet: Egal, ob direkt nach dem Mauerfall, Mitte der 90er oder im neuen Jahrtausend, man hat in Berlin immer gerade etwas verpasst. „Man wird nie der Erste gewesen sein“, sagt Scherpe.

Technopionier Dimitri Hegemann sieht Berlin immer noch als „riesigen Experimentier- und Therapieraum“, der magische Signale an die Jugend der Welt sendet. „Noch gibt es Freiräume. Die Sprache unter ihnen ist jetzt Englisch“, sagt der Gründer des Clubs „Tresor“. Die These, Berlin sei out, findet der 59-Jährige nicht schlecht. „Das schützt uns vor Trotteln.“

Das nächste große Ding: „Die Happy Locals“

Hegemann warnt vor der „Gier der Stadtvermarkter“ und davor, nach immer mehr Besuchern zu schielen. Lieber solle Berlin seine Position halten, von Theater bis Techno. Das „nächste große Ding“ ist für ihn eine Initiative von alternativen Unternehmern, die „Happy Locals“: Die teilen ihre Berliner Erfahrungen mit anderen Städten, sei es in Schwedt in Brandenburg oder im amerikanischen Detroit.

Auch der Dachverband der Clubs sieht die jüngste Debatte um die Hauptstadt gelassen. „Nach wie vor bekommen Menschen glänzende Augen im Ausland, wenn sie Berlin hören“, sagt der Sprecher der Club Commission, Lutz Leichsenring. „Allerdings bemerken wir auch eine Zunahme von "Mainstream-Touristen", die nach Berlin kommen, weil es andere vorgemacht haben.“ Das Ausgehverhalten hat sich aus seiner Sicht nicht merklich verändert. „Sicherlich gibt es ein breiteres Restaurant-Angebot als vor wenigen Jahren.“ Aber das ergänzt sich für ihn eher mit Clubs, als dass es sich kannibalisiert.

Bei 250 Adressen glaubt Leichsenring nicht, dass Berlins Nachtleben mit dem „Berghain“ steht oder fällt. Auch vor Clubs wie dem „Watergate“, dem „Sisyphos“, „Ritter Butzke“ oder „Prince Charles“ sichtet er lange Schlangen. „Die Unkenrufe sorgen hoffentlich dafür, dass Bierbike-Fahrer, Pubcrawler und Mall-Shopper zukünftig wieder andere Metropolen ansteuern.“ Das könne dem Berliner Nachtleben nur gut tun.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare