Hildesheim

Deutsch-Abi nach Panne bestanden

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Foto: Geschafft! Jetzt, mit dem Abi in der Tasche, können Jannik Mühlenweg, Esther Leopold und Madlin Freese über all die Aufregung lachen.

Hildesheim - Mittlerweile können sie sogar darüber lachen. „Weder DÜRR noch MATT“ haben sie auf ihre Abi-T-Shirts geschrieben – dabei steht der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt für eine Panne, die deutschlandweit Schlagzeilen gemacht hat.

Eine ganze Klasse der Hildesheimer Waldorfschule stand in der Deutschklausur hilflos da, weil ihr Lehrer die abgefragten Themen gar nicht behandelt hatte. Nach dem Abbruch der Klausur lastete gewaltiger Druck auf den Schülern, selbst der Kultusminister beobachtete den Fall. Jetzt haben alle 13 Prüflinge das Abitur in der Hand – und das ist nicht einmal schlecht ausgefallen.

13 Jahre haben die Waldorfschüler miteinander gelernt. Der größte Schock ihrer Schulzeit wartet ganz am Ende auf sie, an einem Sonnabend im Mai. Punkt 8 Uhr öffnen die Prüflinge die Umschläge – und fallen aus allen Wolken. Aufgabe 1 dreht sich um „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt – ein Werk, das die Schüler im Unterricht nie besprochen haben. Und schnell wird klar: Bei der Alternativaufgabe ist das nicht anders. „Da ging es um Liebeslyrik, und auch das hatten wir nicht behandelt“, erinnert sich Jannik Mühlenweg.

Hektisch telefoniert die Schule mit der Landesschulbehörde in Hannover. Die entscheidet innerhalb von Minuten, dass die Prüfung sinnlos ist, alle Schüler werden nach Hause geschickt. Bei einem Nachholtermin sollen sie sich erneut der Deutschprüfung stellen – eine einmalige Entscheidung seit Einführung des Zentralabiturs. Für die Schüler beginnt eine Aufholjagd. Ein Waldorflehrer aus Hannover paukt mit ihnen den Stoff von zwei Jahren in nur acht Tagen, mit täglichen Hausaufgaben. „Wir waren total geschlaucht, weil das Lernen einfach nicht aufgehört hat“, sagt Madlin Freese.

Warum der Lehrer zwei Schuljahre lang den Prüfungsstoff ignoriert hat, weiß die Schule bis heute nicht. „Der Kollege nimmt mindestens seit 2002 das Abitur ab“, sagt Anne Talkenberg ratlos. Sie ist Mitglied der Schulleitung. Tatsächlich hatten die Schüler ihren Deutschlehrer vor dem Abi sogar auf die „Physiker“ und die Liebeslyrik angesprochen. Der Lehrer jedoch habe abgewiegelt: Für die Privatschule gelte ein anderes Curriculum. Ein verhängnisvoller Fehler. Die Schule möchte trotz des Patzers weiter mit dem Pädagogen zusammenarbeiten.

Auch die Schüler sind ihm nicht gram. Für Jannik hätte die Schullaufbahn auch ganz anders ausgehen können: Die frühere Grundschule hatte seinen Eltern den Wechsel zur Haupt- oder Realschule empfohlen – jetzt hat er das Abi in der Tasche, mit einem Schnitt von 1,5. Auch Mitschülerin Esther Leopold ist zufrieden. „Nur das Drumherum war tierisch anstrengend.“

Hagen Eichler

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