Schwer zu greifen

Die deutschen Salafisten und ihre Schlupflöcher

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Berlin/Istanbul - Salafisten preisen die Scharia, sie verabscheuen Alkohol, Musik und das westliche Denken. Deutsche Sicherheitsbehörden sehen sie als wachsende Gefahr und knöpfen sich salafistische Gruppierungen vor. Die radikalen Islamisten operieren aber zunehmend von Ägypten aus.

Arid Uka wollte seinen Beitrag zum Dschihad leisten, zum „Heiligen Krieg“. Am 2. März 2011 erschoss er in einem Bus am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten und verletzte zwei andere lebensgefährlich. Nur eine Ladehemmung seiner Pistole verhinderte, dass er noch mehr Menschen tötete. Es war der erste islamistisch motivierte Terroranschlag auf deutschem Boden. Der junge Mann war kein Mitglied einer Terrorgruppe, sondern ein Einzeltäter. Er hatte sich die Wut gegen die westliche Ordnung im Internet einflüstern lassen - auch durch Videos des salafistischen Vereins „DawaFFM“. Die Gruppierung ist von nun an verboten.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat „DawaFFM“ und zwei weitere Vereine namens „Islamische Audios“ und „An-Nussrah“ aufgelöst. Der Vorwurf von Innenressort und Verfassungsschutz: Die Gruppierungen lehnen die Werteordnung des Grundgesetzes ab, sie wenden sich gegen Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip, wollen statt dessen die Gesetze der Scharia einführen und hetzen vor allem im Internet gegen Menschen mit anderem Glauben.

Polizisten durchforsteten am Mittwoch in Nordrhein-Westfalen und Hessen einen Vereinsraum und rund 20 Wohnungen, um Laptops, Telefone, Propagandamaterial und Geld der Gruppierungen zu beschlagnahmen. Schon im vergangenen Sommer hatten Beamte an 80 Orten in sieben Bundesländern Wohnungen, Vereinsräume und eine Moschee durchsucht.

Friedrich hatte damals den Verein „Millatu Ibrahim“ verboten. Dessen Anführer Mohammed Mahmud setzte sich rechtzeitig nach Ägypten ab. Laut Verfassungsschutz ist er inzwischen auf dem Weg in den Dschihad. Nach einem Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ wurde Mahmud kürzlich in der ägyptischen Küstenstadt Marsa Matruh gesichtet. Dort hat die Zeitung nach eigenen Angaben auch einen anderen führenden Salafisten aus Deutschland aufgespürt, den früheren Berliner Rapper Denis Cuspert.

Verfassungsschützer beobachten mit Sorge, dass immer mehr deutsche Salafisten nach Ägypten ausreisen. Das Land sei das „Reiseziel Nummer Eins“ für Dschihadisten aus Deutschland geworden, sagt Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Die Zahl ist zuletzt sprunghaft angestiegen: 2011 waren es noch etwa zehn, 2012 dann 60, also sechs Mal so viele. Mahmuds Ausreise habe eine Sogwirkung entfaltet, sagt Maaßen. Ägypten sei zu einer Drehscheibe für islamistische Extremisten geworden. Von dort gehe für viele weiter in Dschihad-Gebiete - nach Syrien, Mali oder Somalia. Gefährlich wird es vor allem, wenn sie noch radikaler nach Deutschland zurückkehren.

Seit dem Sturz von Langzeitpräsident Husni Mubarak gewinnt das neue, islamistische Ägypten an Attraktivität für dschihadistische Kämpfer - oder für solche, die es mal werden wollen. Mit dem Zusammenbruch des Polizeistaates gewannen die bis dahin unterdrückten radikalen Islamisten an neuen Freiheiten: Milizen nutzten in Oberägypten oder auf dem Sinai das Machtvakuum aus und machten sich breit, führende Dschihadisten kamen aus den Gefängnissen - und aus Libyen gab und gibt es reichlich Waffennachschub.

Deutsche Konvertiten reisen regelmäßig nach Ägypten - der Bekannteste ist der salafistische Prediger Pierre Vogel. Den meisten geht es darum, Arabisch zu lernen, den Koran zu studieren und sich mit anderen Islamisten zu vernetzen. Für manche ist es aber auch ein Ort, um sich zu radikalisieren und abzudriften in den „Heiligen Krieg“. Ägypten bietet genügend Rückzugsorte: Viele Gegenden sind nur über unbefestigte Straßen erreichbar. In abgelegenen Dörfern haben oft islamischen Scheichs das Sagen und nicht staatliche Behörden. Gerade im schroffen Gebirge der Halbinsel Sinai finden Milizionäre viele Unterschlupfmöglichkeiten.

Nach Angaben aus westlichen Diplomatenkreisen treffen nach und nach noch immer Anhänger von Mahmud in Ägypten ein. Der Prediger ist dort weiter aktiv: Von Ägypten aus ruft er nun über das Internet zu Anschlägen in Deutschland auf. Auch die Salafisten von „DawaFFM“ und den beiden anderen Vereinen dürften nicht so einfach verstummen.

dpa

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