Gesundheit

Die Deutschen und ihr Trinkwasser

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Das Wasser aus dem Hahn wird oft unterschätzt.

Hannover - Leitungswasser war noch nie so gut wie heute – es kommt sogar jederzeit gut gekühlt aus dem Hahn. Trotzdem schleppen die meisten Deutschen lieber kistenweise Mineralwasserflaschen nach Hause. Warum eigentlich?

Nichts löscht den Durst so gut wie Wasser. Wer es direkt aus dem Hahn trinkt, tut sogar der Umwelt etwas Gutes, weil für Produktion und Transport von Mineralwasser tonnenweise Erdöl ein- und Kohlendioxid freigesetzt wird. Außerdem ist Trinkwasser aus der Leitung eines der am besten kontrollierten Lebensmittel - und dazu auch noch unschlagbar günstig. Für einen Euro bekommt man im Schnitt etwa zwei Liter Mineralwasser (50 Cent/Liter) oder knapp 700 Liter Leitungswasser (0,15 Cent/Liter). Trotzdem bevorzugen die Deutschen - anders als Amerikaner, Franzosen oder Spanier - Mineralwasser. Noch nie wurde so viel davon getrunken wie heute.

Warum das so ist, darüber können auch Experten nur mutmaßen. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen nennt dafür unterschiedliche Hintergründe - kulturelle und erzieherische - oder aber geschmackliche Vorlieben. Wer es sich leisten kann, trinkt gekauftes Wasser, möglichst aus dekorativen Flaschen. Auch Gästen bietet man hierzulande noch zögerlich Wasser aus dem Hahn an, selbst wenn man es in einer formschönen Karaffe auf den Tisch stellt. Ernährungswissenschaftler nennen den Wellnessgedanken als Triebfeder hinter dem steigenden Mineralwasserkonsum. Die Hersteller bewerben ihre Produkte mit körperlich aktiven, gesunden Menschen. Das färbt ab: Pro Kopf trinken die Deutschen durchschnittlich mittlerweile etwa 130 Liter im Jahr und decken so 70 Prozent ihres Flüssigkeitshaushaltes ab.

Mehr als 500 Sorten listet der Verband Deutscher Mineralbrunnen für den deutschen Markt auf - nur noch in Italien ist die Vielfalt größer. Mineralwasser gibt es in Plastikflaschen und in Glasflaschen, billig und unglaublich teuer. Über den Geschmack entscheidet die Zusammensetzung von Mineralstoffen und Kohlensäuregehalt. Besonders salzig schmeckt natriumchloridreiches Wasser wie Selters, eine leichte Bitternote entsteht durch viel Sulfat, leicht metallisch wird es durch viel Kalzium.

Dass der Körper diese Nährstoffe aus dem Wasser braucht, ist allerdings ein weitverbreiteter Irrtum. Ernährungswissenschaftliche Studien haben längst belegt, dass der Bedarf grundsätzlich über die feste Nahrung bereits abgedeckt ist. Einige Mineralwassersorten überschreiten die für Leitungswasser zugelassenen Mineralstoffwerte sogar. Ihr Natrium- und Chloridgehalt ist so hoch, dass er etwa Menschen mit hohem Blutdruck durchaus zu schaffen machen kann.

Wasser ist nicht gleich Wasser

Natürliches Mineralwasser: Das Wasser stammt aus einer unterirdischen, amtlich anerkannten Mineralquelle und schwankt kaum in der Zusammensetzung. Es darf nur am Quellort abgefüllt und in engen Grenzen behandelt werden. In der mineralischen Zusammensetzung unterscheiden sich die mehr als 500 deutschen Mineralwässer deutlich. Auch die Discounter erfüllen mit ihren Mineralwässern die gesetzlichen Vorgaben.

Heilwasser: Heilwasser unterliegt dem Arzneimittelgesetz. Zusätzlich zu den Anforderungen an ein Mineralwasser müssen wissenschaftliche Untersuchungen seine vorbeugende, lindernde oder heilende Wirkung belegen.

Quellwasser: Dieses Wasser stammt ebenfalls aus unterirdischen Quellen, muss aber nicht amtlich anerkannt sein.

Tafelwasser: Tafelwasser darf aus verschiedenen Wasserarten industriell zusammengemischt werden. Die Zugabe von Mineralstoffen und Kohlensäure ist erlaubt. Oftmals wird zuvor das örtliche Trinkwasser demineralisiert, um mit Zugaben einen einheitlichen Geschmack zu erzielen.

Trink- oder Leitungswasser: Produkte mit dieser Bezeichnung sind meist eine Mischung aus Grund- und Oberflächenwasser. Das Wasser darf gegebenenfalls aufbereitet werden und unterliegt strengen Kontrollvorschriften nach der Trinkwasserverordnung.

Ernährungsphysiologisch gesehen gibt es trotzdem einige Gründe, Mineral- und Heilwässer mit Kohlensäure zu trinken. So wird der Kohlensäure nachgesagt, dass sie die Geschmackspapillen auf der Zunge reinigt, die Durchblutung der Mundschleimhaut fördert und die Speichelproduktion anregt. Auch die Bewegung des Magens und die Bildung von Verdauungssäften kann durch Kohlensäure verbessert und die Verdauung somit positiv beeinflusst werden. Allerdings sind all diese Einflüsse mitunter minimal und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Der Genuss von kohlensäurehaltigem Mineralwasser bleibt also reine Geschmackssache.

Das Wasser aus dem Hahn dagegen wird oft unterschätzt - oder fälschlicherweise verdächtigt, mit Keimen verunreinigt zu sein. Dabei bescheinigt unter anderem das Umweltbundesamt dem Leitungswasser eine gute Qualität, wohingegen Mineralwasser aus der Flasche zuletzt bei Stiftung Warentest weniger gute Werte erzielte - zumal in mehr als jeder dritten Flasche Keime entdeckt wurden. „Das Beste, was man machen kann, ist, Wasser frisch aus der Leitung zu trinken“, sagt Andreas Kalix, Leiter der Enercity-Wasserwerke in Hannover, die jährlich 40 Millionen Kubikmeter und damit mehr als 90 Prozent des hannoverschen Trinkwassers im Fuhrberger Feld fördern. Das hannoversche Wasser weist einen ausgewogenen Mineralienhaushalt auf und ist sehr nitrat­arm. „Wenn man keine alten Bleileitungen im Haus hat, kann man das Wasser aus dem Hahn bedenkenlos trinken“, sagt Kalix.

Tatsächlich aber beobachten Kalix und einige andere Experten, dass das Wasser aus dem Hahn bei den Konsumenten an Akzeptanz gewinnt. Seit vor zehn Jahren die ersten Wassersprudler auf den Markt kamen, lässt sich Mineralwasser problemlos zu Hause herstellen.

Derzeit sprudeln nach Angaben des Wassersprudler-Herstellers SodaStream weltweit rund sieben Millionen Haushalte ihr Wasser selbst - offenbar mit steigender Tendenz. Erst vor wenigen Wochen vermeldete das Unternehmen mit Sitz in Bad Soden Rekordumsätze für das Jahr 2013. Diese werden neben einer Vielzahl an Geschmackszusätzen auch den neuen Systemen zugerechnet, die anders als zum Verkaufsstart in den neunziger Jahren nicht mehr mit Plastik- sondern mit Glasflaschen erhältlich sind. Die Wasserflaschen können im Geschirrspüler gereinigt werden, was definitiv hygienischer ist, wie die Abteilung für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz festgestellt hat.

In einer Studie hatten die Wissenschaftler zwar Verunreinigungen in aufgesprudeltem Wasser festgestellt. In rund 39 Prozent der Proben befanden sich coliforme Bakterien, die zum Teil von den Perlatoren der Wasserhähne stammten, und zum Teil aus den Sprudlerflaschen selbst. „Wir erklären uns das damit, dass die Empfehlung des Herstellers beinhaltet, die Flaschen nicht zu heiß zu reinigen“, sagt der Leiter der Studie, Wolfgang Kohnen von der Universität Mainz. „Vermutlich waren die Nutzer zu vorsichtig und haben die Flaschen zu kalt gespült. Bei entsprechender Reinigung mit normalen Abwaschtemperaturen - am besten im Geschirrspüler - spricht nichts gegen den Gebrauch dieser Flaschen.“

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