Stadion

Deutscher Student legt in Dortmund Sprengsätze vor 96-Spiel

- Ein Erpresser, drei Bomben und 80.000 Fußballfans: Vor der Partie gegen Hannover 96 gibt sich ein deutscher Student als Islamist aus - und legt Sprengsätze am Dortmunder Stadion. Das Bundeskriminalamt konnte den Bombenanschlag vereiteln.

Es ist so etwas wie die Kathedrale des Fußballs. Nicht nur für Fans von Borussia Dortmund. Nirgends in der Fußball-Bundesliga singen die Fans lauter, nirgends stehen sie eindrucksvoller zusammen als in der Südkurve des ehemaligen Westfalenstadions, das seit einigen Jahren den weniger traditionsbeflissenen Namen Signal-Iduna-Park trägt.

Wenn am Sonnabend vor dem Spitzenspiel gegen Hannover 96 aus den Lautsprechern der Klassiker „Leuchte auf, mein Stern Borussia“ ertönt, wird viele der 80.000 Fans in Deutschlands größter Fußballarena ein Thema beschäftigen, das mit dem Fußball nur sehr wenig zu tun hat. Eher mit Angst.

Keine hundert Meter von Bier, Bratwurst, Fouls und Toren entfernt haben Beamte des Bundeskriminalamts am Donnerstagmorgen drei Sprengsätze gefunden, in einer Böschung, direkt neben der Straßenbahnhaltestelle „Stadion“. Sie wird von der Stadtbahn nur angefahren, wenn im riesengroßen Betonklotz Fußball gespielt wird. Dann steigen die Fans der Dortmunder und der Gastmannschaften aus den Waggons und machen sich singend auf den Weg in die Arena, vorbei am Volksbad, dem Grill und dem alten Stadion Rote Erde. Die Schlange vor der elektronischen Einlasskontrolle ist kurz vor Anpfiff regelmäßig bis zu 100 Meter lang. Sie reicht dann bis zu den Fundorten der Bomben.

Es ist eine Horrorvorstellung nicht nur für Fußballfans, die seit Donnerstag wieder durch die Köpfe spukt: ein Bombenanschlag in einem Bundesligastadion voller feiernder Menschen. Islamisten hatten in den vergangenen Jahren auch in Europa mehrfach Anschläge geplant.

Seither ist dieses Szenario auch in Deutschland von Sicherheitskräften immer wieder durchgespielt worden. Und doch war es wohl ausgerechnet die Tatsache, dass der Täter kein Islamist ist, die die Ermittler auf seine Spur gebracht hat.

Die mehrwöchige Ermittlungsarbeit begann im Februar in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Mitarbeiter der deutschen Botschaft fanden dort eine zwar anonyme, aber bedrohlich klingende E-Mail im elektronischen Postfach. Der Verfasser drohte mit zwei islamistischen Terroranschlägen einer Gruppe in Deutschland – und zwar „zeitlich gestaffelt“.

Nun ist wohl nicht jede anonyme E-Mail in einer deutschen Botschaft im Ausland sofort ein Grund für aufwendige Ermittlungen in Deutschland, aber in diesem Fall bestand doch wohl ein besonderer Grund zur Sorge. Die Mail ließ „umfangreiche Kenntnisse zum Bau von unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“ erkennen, wie das BKA am Donnerstag erklärte. Außerdem habe der Text Hinweise darauf gegeben, dass der Absender bei der „Beschaffung und beim Bau der Sprengvorrichtungen maßgeblich eingebunden“ sei. Grund genug für die Diplomaten in Islamabad, deutsche Ermittler in der Heimat zu alarmieren.

Diese fanden nach einer detaillierten Analyse der Mail heraus, dass der angebliche islamistische Hintergrund der Terrordrohung frei erfunden sein könnte. Eine Sprachauswertung des E-Mail-Textes ergab nämlich, dass mehrere verwendete Formulierungen denen in einer anderen Mail ähnelten, mit der im Jahr 2010 ein deutsches Industrieunternehmen erpresst wurde – ein angedrohter Bombenanschlag, dessen Hintergründe bisher nicht aufgeklärt werden konnten.

Wie es den Kriminalbeamten gelang, dem anonymen E-Mail-Schreiber auf die Spur zu kommen, blieb im Detail am Donnerstag unklar. Fest steht, dass die Kriminalbeamten aus Wiesbaden seine Identität entschlüsselten. Sie nahmen Kontakt zu ihm auf – woraufhin er mit Bombenanschlägen im Bereich des Dortmunder Westfalenstadions drohte. Nur: Das Ganze wirkte für die Ermittler schnell wie ein schlechter Bluff.

Der Mann, der sich in der E-Mail als Islamist ausgab, hatte offenbar gar keine Kontakte zu terroristischen Vereinigungen. Es soll sich bei dem Verdächtigen um den 25-jährigen Alexander K. handeln, einen deutschen Studenten, der als unauffällig beschrieben wird. Nach allem, was die Polizei bislang weiß, ist er ein Einzeltäter – ohne Verbindungen in terroristische oder islamistische Netzwerke.

Am 29. März nahmen sie den jungen Deutschen in einem Kölner Hotel fest. Alexander K. räumte in den Verhören ein, den islamistischen Hintergrund des angedrohten Verbrechens und die Anschlagsserie in Deutschland nur erfunden zu haben. Zu einem konkreten Motiv für die Tat, etwa einem Erpressungsversuch des Bundesligisten Borussia Dortmund, wollte der Mann nichts sagen. Polizeiintern wurde am Donnerstag von einem „Trittbrettfahrer“ und beim Bundesinnenministerium von einem „allgemein kriminellen Hintergrund“ gesprochen.

Nach weiteren Verhören erzählte der Mann von den drei Sprengsätzen, die er am Dortmunder Fußballstadion platziert haben wollte. Nun ging alles ganz schnell. Die Ermittler fanden bei einer Wohnungsdurchsuchung seines gutbürgerlichen Elternhauses in Krefeld ein umfangreiches Chemikalienlager und drei „sprengstoffverdächtige Gegenstände“. Auch ein Laptop und Festplatten wurden sichergestellt. Als die Kriminalbeamten dann gegen drei Uhr morgens am Donnerstag das Gelände rund um das Stadion in Dortmund durchsuchten, fanden sie dort die drei Bombenvorrichtungen mit einer Art Zeitzünder, der allerdings nicht aktiviert war.

Ob die Vorrichtung tatsächlich eine Explosion hätte herbeiführen können, erscheint zumindest zweifelhaft. Aus dem Bundesinnenministerium in Berlin hieß es, Alexander K. sei womöglich nur ein Dilettant gewesen. Allerdings gehen die Ermittler wohl auch davon aus, dass es gar nicht zu einer Explosion kommen sollte. Denkbar sei vielmehr, so ein Beamter, dass der Student in einem nächsten Schritt Geld verlangt hätte für weitere Hinweise zu angeblich geplanten Anschlägen in Dortmund. Um das Gesamtszenario „möglichst realistisch erscheinen zu lassen“, könnte er die Sprengsätze am Stadion versteckt haben.

Auch im Umfeld des jungen Mannes rätselt man nun darüber, warum ein Student mit Bomben hantiert, sich als Islamist ausgibt, einen Bundesligaklub erpressen will. In der Umgebung seines Krefelder Elternhauses herrscht seit der Durchsuchungsaktion der Polizei Ratlosigkeit. „Er war ganz unauffällig. Wir haben uns immer nett im Hausflur begrüßt, ich kann absolut nichts Negatives über ihn sagen. Ich bin genauso geschockt wie seine Eltern“, erzählt der Vermieter in dem Zweifamilienhaus seiner Eltern. „Er ist ein ganz normaler Junge.“ Genau daran haben die Ermittler nun ihre Zweifel.

Dirk Schmaler, Tim Stinauer und Alexander Dahl

Ein Interview mit dem Fanbeauftragten von Hannover 96 und weitere Hintergrundberichte lesen Sie in der Freitagsausgabe der Hannoverschen Allgemeinen Zeitungoder im E-Paper.

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