Denkmalschutzprojekt

Deutschlands ungewöhnlichste Baustelle

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Foto: Freiwillige vor: Bis Sonntag soll das Fachwerkhaus in Hann. Münden saniert werden.

Hann.Münden - Innerhalb von nur neun Tagen wollen Dutzende von Freiwilligen in einer Mammutaktion ein marodes Fachwerkhaus komplett sanieren. Die Marathonsanierung ist Teil des Festivals „Denkmal! Kunst – Kunstdenkmal“.

So wuselig wie in dem entkernten Fachwerkhaus in Hann.Münden geht es selten auf einer Baustelle zu. Rund um das Gebäude turnen Handwerker auf Gerüsten herum. Im Innenhof sind Bauarbeiter mit Schubkarren unterwegs, andere hieven die Steine und Ziegel vom Transportband, die vom Dachgeschoss nach unten befördert werden. Auch im Inneren wird überall gewerkelt. Im Erdgeschoss befördern Schüler per Menschenkette eimerweise Kies ins Haus. Im Obergeschoss ist ein Schreiner dabei, einen neuen Holzfußboden einzubauen, während nebenan zwei Männer einen gemauerten Schornstein abbauen.

Das Gewusel ist ein bundesweit einmaliges Denkmalschutzprojekt: Innerhalb von nur neun Tagen wollen Dutzende von Freiwilligen in einer Mammutaktion ein marodes Fachwerkhaus komplett sanieren. Die Marathonsanierung ist Teil des Festivals „Denkmal! Kunst – Kunstdenkmal“, das noch bis zum 6. Oktober in Hann. Münden stattfindet. In 20 Fachwerkhäusern, Kirchen und Stadtmauertürmen bekommen die Besucher Kunstausstellungen, Konzerte, Lesungen, Theater und Kabarett geboten. Ziel des Festivals ist es, die Schönheit und kulturelle Bedeutung der historischen Altstadt ins Blickfeld zu rücken, in der mehr als 500 Gebäude unter Denkmalschutz stehen. Gleichzeitig will es auf die Gefährdung dieses jahrhundertealten Ensembles aufmerksam machen: Viele Veranstaltungen finden in Fachwerkhäusern statt, die seit Langem leer stehen und dringend sanierungsbedürftig sind. Das Festival will dazu animieren, Ideen und Initiativen zu entwickeln, wie sich ein weiterer Verfall der historischen Bausubstanz verhindern lässt und neue Nutzungskonzepte realisiert werden können.Spektakulärster Programmpunkt des Festivals ist das Projekt „9mal24“, das der Mündener Hotelier und gelernte Schreiner Bernd Demandt initiiert hat: Neun Tage lang werkeln Dutzende von Freiwilligen rund um die Uhr in einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus in der Speckstraße, das seit einem Brand im Jahr 2004 leer steht. Demandt, der bereits mehrere Häuser in der Altstadt saniert und die jahrelang ungenutzte mittelalterliche St.-Aegidien-Kirche zu einem Café umgebaut hat, hatte das Fachwerkhaus zunächst privat für 20.000 Euro gekauft.

Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich

Inzwischen ist er nur noch ein Eigentümer von vielen: Die im Frühjahr gegründete Bürgergenossenschaft „Mündener Altstadt“ hat das Gebäude erworben. Mittlerweile hat sie knapp 200 Mitglieder, die alle Anteilseigner sind. Nach der Sanierung will der Verein „Mündener KunstNetz“ das Haus für Wohn- und Atelierräume nutzen. Die vermutlich ungewöhnlichste Baustelle Deutschlands ist ein reines Freiwilligenprojekt. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich, unter ihnen viele Handwerker aus der Region, die sich aus ihrem eigenen Betrieb ausklinken, um bei diesem Projekt dabei zu sein.

Auch zahlreiche Schüler sind im Einsatz: „Gestern haben alle freiwillig länger gearbeitet, weil es ihnen hier so viel Spaß macht“, erzählt Berufsschullehrer Martin Schuldes. Ein Handwerker ist eigens aus Frankfurt angereist: „Das ist einfach ein tolles Projekt, weil es hier nicht um Geld geht, sondern um Dinge, die viel mehr wert sind“, sagt der Schreiner Kayh Bonstein.

Die bunte Zusammensetzung der Helfertruppe und gemeinsame Begeisterung führt zu Szenen, wie man sie sonst kaum auf einer Baustelle sieht: „Wo gibt es das schon, dass zwei Zimmermeister, die sonst miteinander im Wettbewerb stehen, gemeinsam an einer Holzdecke arbeiten? “ meint Friedhelm Meyer. Der frühere Baudirektor von Hann. Münden ist verblüfft, wie gut die Selbstorganisation auf der Baustelle funktioniert: „Das ist soziologisch sehr faszinierend. Alle gucken, wo es Arbeit gibt, und alle packen mit an“, sagt er, während er gemeinsam mit seinem aus Nienburg angereisten Kollegen Klaus Nünstedt einen Schornstein abreißt.

Auch Initiator Bernd Demandt ist fasziniert von der guten Stimmung auf der Baustelle: „Alle haben Spaß miteinander.“ Dazu trägt auch die Unterstützung aus der Mündener Bevölkerung bei: Mehr als 50 Frauen sorgen für eine Rund-um-die-Uhr-Verpflegung der Helfer, viele Bürger haben Privatquartiere zur Verfügung gestellt. Wenn am Sonntagnachmittag zum Ende des 9x24-Projekts der Hammer fällt, werde das Haus zwar noch nicht fertig sein, sagt Demandt.„Aber wir haben viel geschafft und werden alle lange von diesem Erlebnis zehren.“

Von Heidi Niemann

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