Wegweisendes Projekt

Ein Dorf für Demenzkranke

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Foto: „Tönebön am See“ bietet Lebensraum für Menschen mit Demenz.

Hameln - Das bundesweit erste Dorf für Demenzkranke wurde am Donnerstag eröffnet. Es steht in Hameln. Vier Häuser, alle in unterschiedlichen Farben gestaltet, bieten auf dem umzäunten Gelände Platz für 52 Bewohner.

„Tönebön am See“ bietet Lebensraum für Menschen mit Demenz. Und das „in lebens- und liebenswerter Umgebung“, wie die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt bei ihrem Besuch feststellte.

Vier Häuser, alle in unterschiedlichen Farben gestaltet, bieten auf dem umzäunten Gelände Platz für 52 Bewohner. In Wohnküchen und individuell gestalteten Einzelzimmern mit angrenzendem Bad „sollen sich die Menschen wie zuhause fühlen“, sagt Regine Latzko, Vorstand der Julius-Tönebön-Stiftung. Ob Kochen, Wäsche waschen oder Blumen gießen - all diese Tätigkeiten, die die Demenzkranken von zuhause kennen, können sie in den vier Häusern ausüben. „Wir wollen dem Alltag so viel Normalität wie möglich geben“, betont Dieter Joschko, Vorsitzender des Stiftungskuratoriums. Was und wann sie essen möchten, bestimmen die Bewohner zum Beispiel selbst. Die Kühlschranktür stehe jedem jederzeit offen. „Wer mag, kann sich morgens einen Kaffee kochen oder einen Joghurt nehmen“, erklärt Regine Latzko. „Stationär voll versorgt und trotzdem selbstbestimmt“, fasst Ministerin Rundt das Konzept zusammen. Und das sei, wie Regine Latzko betont, „sehr personalintensiv“.

Drei Alltagsbegleiter stehen pro Haus den Bewohnern ständig zur Verfügung; die Pflegekräfte sind im Haupthaus stationiert und 24 Stunden im Einsatz, „aber sie sind nicht ständig dabei“. Die Pflege bleibe dadurch unsichtbarer, wie Hamelns Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann betont. „Wir können hier sehen, wie Pflege im 21. Jahrhundert funktioniert“, sagt die Verwaltungschefin, die froh ist, so ein „großartiges Projekt in Hameln zu haben. Es ist ein großer Tag für die Stadt.“ Wie groß, das zeigt auch das mediale Interesse: Mehrere Fernsehsender filmen bei der Eröffnung in Deutschlands erstem Dorf für Demenzkranke.

Ob Café, „Garten der Sinne“ oder Einkaufsladen zur Selbstversorgung - „es ist ein schöner Standort für etwas, das paradiesisch daherkommt“, sagt Lippmann. Für Ministerin Rundt ist das Konzept sogar „wegweisend“. Sie findet es wichtig, „dass die Demenzkranken geschützt werden. Die Menschheit muss aber nicht vor Demenzkranken geschützt werden.“ Es sei daher gut, dass „Tönebön am See“ stets offene Türen für Besucher habe.

Die Idee zu diesem Betreuungskonzept entstand bereits 2006: Der ehemalige Stiftungsvorstand Herbert Schneider besichtigte ein in den Niederlanden bestehendes Dorf für Demenzkranke und war überzeugt von dem Konzept. Laut Architekt Gerhard Greszik hat die Planungsphase länger gedauert als die Bauphase: „Das war auch für mich Neuland“, sagt er. Nach gut einem Jahr und nach sechs Millionen Euro Investitionen ist jetzt alles fertig - und die ersten beiden Bewohner sind bereits eingezogen. „Die Nachfrage nach Plätzen ist erfreulich hoch. Es ist ein Angebot, auf das viele gewartet haben“, sagt Joschko.

Von Karen Klages

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