Seulingen

Dorf tolerierte offenbar Gewaltattacken

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Seulingen - Vor dem Landgericht Göttingen wurden zwei Männer zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie einen Nachbarn gewalttätig attackiert hatten. Die Vorfälle fanden in Seulingen statt – ein Dorf, das die Attacken offenbar tolerierte.

Den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet: Nur selten sieht man Angeklagte in einer so bußfertigen Haltung wie die beiden 31 und 27 Jahre alten Männer, die sich kürzlich vor dem Landgericht Göttingen verantworten mussten. Der 31-jährige Familienvater aus dem Dorf Seulingen (Kreis Göttingen) hat laut Gericht einem heute 71-jährigen Nachbarn so heftig mit einem Baseballschläger auf den Kopf geschlagen, dass dieser seitdem ein Pflegefall ist. Das Gericht verurteilte ihn und seinen Cousin, der nach den Feststellungen im Urteil vor der Attacke Knallkörper auf das Haus des 71-Jährigen geworfen hatte, zu mehrjährigen Freiheitsstrafen. Trotz großer Anstrengungen des Gerichts sind viele Fragen offen geblieben: Was hat die Angeklagten zu der Tat gebracht? Und was haben andere Bewohner im kleinen Dorf damit zu tun?

Das Dorf, das schweigt

Die Kammer sei auf eine „Mauer des Schweigens“ gestoßen, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther. Es sei eines der schwierigsten Verfahren in seiner Laufbahn gewesen. 23 Zeugen hat er vernommen, viele von ihnen haben bewusst gelogen, glaubt der Jurist. Vor allem Zeugen aus dem Dunstkreis der Angeklagten fielen durch erstaunliche Gedächtnislücken auf. Manche taten so, als seien der Vorfall und dessen Vorgeschichte kein Thema im Dorf gewesen.

Dabei war eine Reihe von Dorfbewohnern in der Nacht zum Tatort gekommen, wo der 71-Jährige schwer verletzt am Boden lag. Die Menschen hätten gejohlt und gegrölt, berichtete eine schockierte Polizistin. „Endlich macht mal jemand was“, habe jemand gesagt. Dabei hatten auch schon andere etwas „gemacht“ gegen den 71-Jährigen und dessen Familie, die seit etwa eineinhalb Jahren in dem Ort lebte. Wiederholt hatten Unbekannte Feuerwerkskörper und Steine gegen das Wohnhaus in der Hauptstraße geworfen. Die Familie hatte deshalb mehrfach Anzeige erstattet. Der örtliche Polizeibeamte sah jedoch offenbar keinen Anlass, den Vorfällen nachzugehen. Wegen seiner zweifelhaften Rolle in dem innerdörflichen Konflikt läuft gegen ihn ein Disziplinarverfahren, wie eine Sprecherin der Polizeidirektion Göttingen auf Anfrage bestätigt.

Wilde Gerüchte über Familie

Die Neuzugezogenen lebten mitten im Dorf, aber am Rande der Gesellschaft. Einer der Söhne war verhaltensauffällig, stellte sich öfter irgendwo hin und guckte, was die Leute so machten. Manchmal tauchte er am Kindergarten auf. Dorfbewohner, die sein Verhalten nicht einordnen konnten oder wollten, stilisierten ihn zur Schreckensfigur. Vor allem Jüngere beschimpften und triezten ihn. Im Laufe der Zeit kursierten immer wildere Gerüchte über die Familie. Über die gefährlichen Hunde, die gewalttätigen Söhne und die südländischen Freunde der Töchter. Vor der Attacke mit dem Baseballschläger sollen einige junge Frauen den beiden verurteilten Männern aus dem Dorf gesagt haben, dass sie sich abends kaum noch aus dem Haus trauen würden.

Der 31-Jährige und sein 27 Jahre alter Cousin selbst waren in die Konflikte nie involviert gewesen, hatten nichts mit der Familie zu tun gehabt. Sein Mandant bedauere die Tat, sagte der Verteidiger des 31-Jährigen vor Gericht. Dieser habe das alles nicht gewollt, es habe sich hochgeschaukelt. Der Staatsanwalt warf den Angeklagten in seinem Plädoyer vor, „auf der nach unten offenen Zivilisationsskala neue Tiefstwerte“ gesetzt zu haben. Sie seien „mit der Keule in der Hand“ losgegangen, um Selbstjustiz zu üben.

Bürgermeister entsetzt

Seulingens Bürgermeister Matthias Rink ist immer noch entsetzt über das, was in seinem Dorf passiert ist. „Dazu hätte es nie kommen dürfen.“ Der CDU-Politiker war kurz nach der Tat zum ehrenamtlichen Ortsbürgermeister gewählt worden und hat erst im Nachhinein die Entwicklung und das Ausmaß des Konflikts zwischen einem Teil der Bevölkerung und der Familie mitbekommen. Möglicherweise wäre es nie so weit gekommen, wenn der Jugendpfleger der Samtgemeinde eingeschaltet worden wäre, meint er. Dies hätten die zuständigen Stellen aber unterlassen.

Der Bürgermeister hat inzwischen einiges an Reaktionen im Dorf auf das Urteil mitbekommen. „Keiner hat gesagt, dass es zu hart ist.“ Die Angeklagten sehen das anders. Beide haben gegen das Urteil Revision eingelegt.

Heidi Niemann

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