Nach dem Hochwasser

Ein Dorf versinkt in Sandsäcken

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Sandsäcke bis zur Terrasse: Bernhardt und Elke Gliemann stinkt das gewaltig. Überall in Neu Darchau türmen sie sich noch.

Neu Darchau - In Neu Darchau wächst die Wut, weil nach dem Elbhochwasser niemand den Deich räumt. Während der Flut waren Tausende im Ort um zu helfen. Nun ist niemand mehr da und die Sandsäcke beginnen zu faulen.

Die Gliemanns haben eigentlich eine schöne Aussicht. Sitzt man auf ihrer Terrasse in Neu Darchau, schaut man auf eine breite grüne Wiese, dahinter fließt die Elbe. Eigentlich. Aber seit einigen Wochen türmen sich hier stinkende Sandsäcke: Als die Flut kam, stapelten die Helfer die Jutesäcke zu Tausenden auf. Taucher befestigten noch den Fuß des Notdeiches. Damals waren Hunderte vor Ort, Lastwagen fuhren vor, vollgeladen mit Sand, Getränken, Verpflegung: Elke Gliemann sieht das Bild noch vor Augen. Dann wurde der Katastrophenalarm aufgehoben. Die Einsatzkräfte zogen ab, mit ihnen die Medien. Die Sandsäcke blieben liegen, die Gliemanns allein.

Jetzt beginnen die Jutesäcke zu faulen. Die Gliemanns sind genervt. Ihre Nachbarn haben dasselbe Problem. 400 Meter weit erstreckt sich der Notdeich hier entlang der Häuser. Elke Gliemann, eine kleine, kräftige Frau mit fester Stimme, hat sich zuerst in Geduld geübt. Die 60-Jährige ist in Neu Darchau geboren, wohnt bis heute in ihrem Geburtshaus, die Elbe immer in bedrohlicher Nähe. Elke Gliemann, meint man, kann so einiges aushalten. Aber dann rief sie doch bei der Gemeinde an, im Fachdienst Ordnung bei Matias Heinrich. Wann die Sandsäcke abgeholt würden. Man wisse noch nichts Genaues, habe es geheißen. In zwei Wochen vielleicht. Elke Gliemann wird wieder anrufen, kündigt sie an. Mit ihrem Mann steht sie auf der von Sandsäcken eingefassten Terrasse, die Arme verschränkt, wie auf dem Ausguckpunkt einer Festung.

Über den unangemeldeten Besuch freuen sie sich. Bei ihnen hat schon lange niemand mehr nachgefragt. Vier Meter hoch türmen sich die Sandsäcke entlang ihrer Straße. Neu Darchau ist der einzige Ort in der Region, der noch immer keinen eigenen Deich hat. Viermal errichtete man hier einen Notdeich, dreimal baute man ihn wieder ab. Ungefähr 250 000 Sandsäcke habe man dieses Mal aufgestapelt, sagt der stellvertretende Bürgermeister Manfred Kruse. 80 Prozent lägen bestimmt noch. Immer mehr Anwohner fordern jetzt einen Deich – besseren Schutz und raschere Aufräumarbeiten.

In anderen Orten läuft der Abtransport längst, die Deichverbände Artlenburg und Neuhaus haben Firmen beauftragt. Rund um Artlenburg, sagt der Geschäftsführer des Deichverbands, sei es „sandsäckefrei“, in Amt Neuhaus soll es nächste Woche so weit sein.

Aber Neu Darchau hat keinen Deichverband, Neu Darchau hat Thomas Poersch. Der Garten- und Landschaftsbauer fährt dieser Tage ununterbrochen zwischen den Problemstellen hin und her. Ein drahtiger Mann mit spärlichem grauen Haar, Hornbrille, Schnauzer. „Das hat der Poerschi gemacht“ – den Satz hört man oft im Ort. Nur der Gemeindemitarbeiter hilft ihm. Die Neu Darchauer sind froh, dass sie die beiden Männer haben. Denn Poerschi hat drei Radlader.

Die Gemeinde hat ihn beauftragt, das Nötigste zu beseitigen. Aber bitte nicht mehr. Und Poerschi hält sich daran. Er baut der 83-jährigen Irma Lienecke einen neuen Zaun, er sät in ihrem Garten neuen Rasen. Er trägt mit seinen Maschinen die Deichabschnitte an den Straßen ab. Und auf seinem Gesicht wird im Lauf eines Tages der Sonnenbrand immer deutlicher sichtbar. Aber Poerschi tastet nicht die meterhohen Sandsäcketürme an, die Lieneckes Grundstück von drei Seiten einschließen. Wer den Auftrag für die größeren Arbeiten übernimmt, ob er überhaupt vergeben wird, weiß keiner so richtig.

Vor ein paar Tagen hat sich Samtgemeindebürgermeister Joachim Meyer den Notdeich angeschaut. Seinen Besuch registrierte man hier genau. „Guten Tag, Frau Lienecke“, habe er zur alten Dame von den Sandsäcken heruntergerufen. Mehr nicht. Gegenüber der HAZ räumt Meyer ein: „Wir prüfen derzeit, ob wir Teile des Notdeiches liegen lassen.“ Und: Vor September könne er nicht abgeräumt werden. Der Boden sei zu feucht. Ein Problem, dass nur die Neu Darchauer mit dem Notdeich haben. Die Gliemanns wissen noch nichts davon, dass die Säcke bis zum Herbst weiter verfaulen sollen.

Und auch Witwe Lienecke ahnt nichts. Der Schweiß verklebt ihre schwarzen Haare an der Stirn. Sie hat sich einen Topf Farbe und einen Pinsel genommen, eine Arbeitsschürze umgebunden. Heute will Lienecke den Zaun vor dem Haus streichen. Sie sagt, sie sei allein. Als die Flut kam, hatte sie noch Hilfe von ihrer Nachbarin. Die hat mittlerweile den Ort verlassen. Bald zieht auch der Gemeindemitarbeiter um, nach Wolfsburg. Wegen der Liebe, heißt es. Auch Lienecke würde gern weggehen. „Ich würde verkaufen – wenn ich einen anständigen Preis bekäme“, sagt sie. Aber mit den Sandsäcken vor der Tür stehen die Chancen dafür noch schlechter. Im August will der Samtgemeindebürgermeister ins Gasthaus kommen, um über einen möglichen Deich zu sprechen. Die Gliemanns haben sich den Termin schon vorgemerkt.

Telse Wenzel

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