Sucht im Alter

Mit 70 zum Drogenberater

+
Foto: Immer mehr alte Menschen driften in die Sucht ab.

Hannover - In Deutschlands Drogenberatungsstellen meldet sich neue Kundschaft: Es sind die alten Leute. Dabei lohnt sich auch für Rentner eine Therapie.

Während die öffentlichen Debatten noch immer um das sogenannte Komasaufen von Jugendlichen kreisen, landen landauf, landab immer mehr Senioren wegen akuter Alkoholvergiftung in den Notaufnahmen der Kliniken. Oft ergibt dann die Blutuntersuchung ein ebenso gemischtes wie alarmierendes Bild. Zum Alkohol gesellen sich Tabletten, einige zum Aufputschen, andere zur Beruhigung.

Sogar Heroinabhängige bevölkern inzwischen in wachsender Zahl Altenheime und Pflegestationen. „Das liegt zum einen daran, dass Heroinabhängige inzwischen bis zu 70 Jahre oder älter werden können“, sagt Professor Thomas Hillemacher, Leiter des Suchtbereichs in der Medizinischen Hochschule Hannover. Andererseits seien die Älteren heutzutage häufiger von Vereinsamung bedroht, denn es fehle mehr denn je an familiärer Eingebundenheit. „Manche werden im Übergang zur Rente depressiv und greifen dann zu Suchtmitteln.“

Die hannoversche Fachambulanz für Alkohol- und Medikamentenabhängige (FAM) hat deshalb eine neue „Therapiegruppe 50 plus“ ins Leben gerufen. „Wir müssen aber vor allem die Hausärzte für das Thema sensibilisieren, denn zu ihnen haben die Älteren Vertrauen“, sagt FAM-Leiterin Ulrike Haberer. Auch Altenpfleger sollten Suchtsymptome erkennen können. „Für alt gewordene Drogenabhängige sollte es spezielle Altenheime geben“, fordert Haberer.

In Deutschland seien die Suchtprobleme der Alten mittlerweile größer als die der Jungen, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP). Der Unterschied liege in der Sichtbarkeit: Jeder nehme betrunkene Jugendliche auf der Straße wahr. „Bei alten Leuten dagegen“, sagt Dyckmans, „bleibt der Rausch oft unsichtbar.“

Auch im Rentenalter, das betonen Experten, lohnt sich noch immer eine Suchtbehandlung. „Wer betrunken ist, läuft etwa Gefahr zu stürzen, was im Alter schnell zur Pflegebedürftigkeit und zum Verlust der Selbstständigkeit führen kann“, warnt Dyckmans. Gefährlich sind neuen Studien zufolge immer die Phasen des Übergangs älterer Leute in eine neue Situation. Die erste Klippe ist die Verrentung, die aber meist nach einer Eingewöhnungszeit bewältigt wird. Die Gefahr steigt erneut, wenn sich plötzlich wegen einer Krankheit oder Behinderung der Aktionsradius verengt. Schließlich führt auch der Tod eines Partners viele zur Sucht. „Ich bin alt, ich bin allein, jetzt ist doch alles egal“, zitiert eine Ärztin die Haltung ihrer betagten suchtkranken Patienten.

Andreas Schinkel und Maja Heinrich

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare